Ausflug nach Abyaneh

Dem riesigen, lärmenden, hektischen Chaos namens Teheran muss man ab und zu mal entfliehen. Um Stress und angestauten Frust abzubauen, den Blutdruck zu senken, den Abgasgestank aus der Nase zu vertreiben und um nicht verrückt zu werden. Als Besucher stehe ich zwar nicht kurz vor einem Nervenzusammenbruch, nutze aber gerne die Gelegenheit, etwas mehr vom Iran zu sehen.

Es bietet sich eine Fahrt nach Kaschan an. Die bequeme dreistündige Busfahrt beginnt am Busbahnhof Süd und wird durch iranische Filme und Orangensaft versüßt. Kaschan hat 120.000 Einwohner und liegt knapp 200 Kilometer nördlich von Esfahan in der gleichnamigen Provinz. In Kürze soll Kaschan allerdings eine eigene Provinz werden.

Mein erster Eindruck ist dass es hier, in der Nähe der Wüste, um einige Grad heißer ist als in Teheran. Der Garten Bagh-e Tarikhi-ye Fin etwas außerhalb des Zentrums bietet ein wenig Abkühlung. Er ist ein Prunkstück von einem persischen Garten: ein Kanalsystem, das sich durch eine natürliche Quelle speist, umgibt einen kleinen Park im Innenhof eines ehemaligen Kaiserpalastes. Im Schatten der Bäume kann man Tee trinken oder ein Eis essen, während Kinder fröhlich im Wasser plantschen.

© Zohreh Soleimani

Kaschan hat noch einige Sehenswürdigkeiten mehr, dazu gehören zu Museen umfunktionierte ehemalige Prunkresidenzen aus der Kaiserzeit und Moscheen, aber das Ziel des Zweitagesausflugs liegt gut 80 Kilometer südlich von Kaschan und heißt Abyaneh.

Die Taxifahrt dorthin führt durch eine wüstenähnliche Berglandschaft. Zu beiden Seiten der Straße gibt es kilometerweit nur armseliges Gestrüpp, dahinter kahle Berge. Einige hundert Meter abseits der Straße sehe ich plötzlich Flugabwehrgeschütze. Es handelt sich um die unterirdische Urananreicherungsanlage Natanz, ein wichtiger Gegenstand der sich zuspitzenden Kontroverse um das iranische Atomprogramm. Dann geht es zwischen den Bergen, die immer rötlicher werden, an Granatapfelsträuchern vorbei. An einigen Stellen sind kleine Türen in Felsbrocken eingebaut worden. Dort verbringen die Schafe der hiesigen Hirten die Nächte.

Abyaneh ist ein beschauliches Dorf von einigen Dutzend vorwiegend roten Lehmhäusern, von denen viele leer stehen. Alte Frauen sitzen vor ihren Häusern oder transportieren auf Eseln reitend ihre geernteten Äpfel. Sie tragen die hier üblichen weißen Kopftücher mit Blumenmuster und bunte Umhänge und grüßen freundlich. Vor der Bäckerei stehen alte Männer mit Gehstöcken und unterhalten sich. Junge Menschen sieht man kaum. Neben der Moschee gibt es in einem Innenhof, an dessen Eingang auf einem Schild „Supermarkt“ steht, eine kleine schreinartige Gedenkstätte für Helden des Iran-Irak Kriegs. In den Hinterhöfen, an denen verwinkelte, steile Gassen vorbei führen, stehen vereinzelt brüllende Esel. Aus einem Fenster guckt eine Ziege. Etwas oberhalb des Dorfes stehen die Ruinen einer Burgmauer.

© Zohreh Soleimani

Das einzige Hotel von Abyaneh, am Ortseingang, ist gleichzeitig das einzige Restaurant und die einzige Teestube. Es ist groß und modern. Das Hotel hat 15 Zimmer auf drei Etagen und wird momentan ausgebaut. Wir sind zu dritt: eine Iranerin, ihr deutscher Ehemann und ich. Wir sind die einzigen Gäste. Wir hätten gern ein Doppel- und ein Einzelzimmer. Der junge Mann am Empfang zeigt uns ein Zimmer im zweiten Stock. Es hat ein Ehe- und ein Einzelbett, einen Fernseher, einen Ventilator und ein sauberes Badezimmer. Das Doppelzimmer kostet 45 Dollar und das Einzelzimmer 30. Das ist zwar sehr viel für hiesige Verhältnisse, aber wir sind bereit es zu zahlen; Alternativen haben wir ohnehin nicht. Gut, dann müssten wir wieder nach unten zur Rezeption und Papiere ausfüllen. Die Rucksäcke dürfen wir nicht im Zimmer lassen. Das Ehepaar darf sich nicht ein Zimmer teilen, die Dame kriegt das Einzelzimmer. Ob man nicht eine Ausnahme machen könnte? Der Geschäftsführer, der in der Teestube eine Wasserpfeife raucht, wird befragt. Wir könnten später unauffällig tauschen, meint er.

Einer gewissen Art von Stress entkommt man im Iran nirgendwo.

One Response to Ausflug nach Abyaneh

  1. Gut geschrieben! Kommen noch Bilder?

    Frank | 12:43 on the 27th of August, 2006

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