Sokrates versus Ahmadinedschad

In Platons „Der Staat“ (Zweites Buch, Kapitel 19) versucht Sokrates zu beweisen, dass Gerechtigkeit besser als Ungerechtigkeit sei. Hierfür lässt er in Gedanken einen Staat entstehen. Beim Thema Erziehung kommt er auf die Darstellung der Götter in der Dichtung, zum Beispiel bei Homer, zu sprechen und fällt folgendes Urteil:

Daß aber diejenigen, welche büßen, unglücklich seien, und dabei doch der dieß Bewirkende ein Gott sei, daß dieß der Dichter sage, dürfen wir nicht dulden; wenn sie hingegen sagen würden, daß die Schlechten als Unglückliche eine Bestrafung bedurften, durch ihr Büßen aber von dem Gotte ihnen Nützliches zu Theil wurde, dann dürfen wir es zulassen; bei der Behauptung aber, daß ein Gott, während er ein Guter ist, für Jemanden die Ursache von Schlimmem werde, müssen wir auf jede Weise kämpfen, daß weder irgend Einer dieß in seinem Staate ausspreche, woferne dieser als ein wohlgesetzlicher bestehen soll, noch auch irgend Jemand, sei es ein Jüngerer oder ein Aelterer, es höre, mag die Erzählung der Fabel in gebundener oder in ungebundener Rede sein, da ja Solches, wenn es ausgesprochen wird, weder eine bezüglich des Göttlichen erlaubte Rede, noch auch uns zuträglich, noch endlich mit sich selbst in Einklang ist.

(…)

Dieß demnach, sprach ich, wäre hiemit Eines von den Gesetzen betreffs der Götter und von jenen Geprägen, demzufolge die Erzählenden und die Dichtenden nicht erzählen und dichten dürfen, daß der Gott von Allem die Ursache sei, sondern nur daß von dem Guten.

Ein schöner Staat, der Sokrates da vorschwebt. Dass Gotteslästerung bestraft wird ist zwar auch heute in einigen Ländern der Fall. Aber selbst Staaten, die eine radikale Auslegung ihrer Religion propagieren, wie das Islamische Emirat Afghanistan unter den Taliban oder die Islamische Republik Iran unter Khomeini haben spezielle Behauptungen wie die, Gott sei für alles auf der Welt - und nicht nur das Gute - verantwortlich, nicht gesetzlich verboten.

Trotzdem hat zum Beispiel der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ganz spezifische Vorstellungen davon, welche Art von Glauben den Menschen am nützlichsten sei. Er fragt US-Präsident George W. Bush in dem Brief, den er ihm am 8. Mai dieses Jahres geschickt hat:

Do you not think that if all of us come to believe in and abide by these principles, that is, monotheism, worship of God, justice, respect for the dignity of man, belief in the Last Day, we can overcome the present problems of the world – that are the result of disobedience to the Almighty and the teachings of prophets – and improve our performance?

Do you not think that belief in these principles promotes and guarantees peace, friendship and justice?

Do you not think that the aforementioned written or unwritten principles are universally respected?

Will you not accept this invitation? That is, a genuine return to the teachings of prophets, to monotheism and justice, to preserve human dignity and obedience to the Almighty and His prophets?

Heute hat Ahmadinedschad in einer Pressekonferenz eine TV-Debatte zwischen ihm und Bush vorgeschlagen. Die Chancen, dass so etwas zustande kommt, sind ungefähr so gut wie die einer Debatte zwischen Ahmadinedschad und Sokrates. Beide Szenarien wären allerdings interessant. Sokrates war auch ein Meister der rhetorischen Frage.

One Response to Sokrates versus Ahmadinedschad

  1. […] Mein zugegeben etwas an den Haaren herbei gezogener Vergleich zwischen Mahmud Ahmadinedschad und Sokrates ist anscheinend nicht so abwegig. […]

    Eckball » Blog Archive » Noch ein Nachtrag | 15:12 on the 29th of August, 2006

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