Teheran - Herat

Um von Teheran nach Herat in Westafghanistan zu kommen, muss man erst nach Maschad fahren, eine große Stadt im Osten des Iran. Dort befindet sich das bedeutendste schiitische Heiligtum auf iranischem Boden: ein Schrein mit dem Grab des Imam Reza. Maschad ist das Ziel vieler Pilger aus der ganzen Region. Die Flüge und Züge sind ausgebucht. M und ich nehmen den Bus.

Die Fahrt dauert zwölfeinhalb Stunden. Um halb elf Uhr abends geht es los. Ich sehe endlich den immens populären iranischen Film „Marmulak“ über einen Sträfling, der aus dem Gefängnis entkommt, indem er sich als Mullah verkleidet. Der Film wird mit englischen Slang-Untertiteln im Bus gezeigt.

Den Rest der Fahrt schlafe ich – so gut es geht, denn ich sitze in der ersten Reihe und es läuft im Fernseher direkt vor mir mehrmals hintereinander eine Unterhaltungssendung. Ein albernen Komiker mit einer unheimlich nervigen Quäkstimme, strubbeligen Haaren und einem Rock macht die Geräusche aller möglichen Tiere nach. Erst normal und dann mit iranischen Lokaldialekten. Schallendes Gelächter vom Live-Publikum.

Um fünf Uhr morgens gibt es eine Gebetspause an einer Raststätte mitten in der Wüste. Es ist ziemlich kalt. Leute schlafen in Zelten und auf Liegen aus Pappkartons zwischen den geparkten Autos.

Wir kommen um elf in Maschad an. Es besteht die Möglichkeit, sofort weiter nach Herat zu fahren. Die Afghanen, die M und mir die Fahrkarten für den Bus verkaufen wollen, ziehen uns förmlich in den Bus. Als ich einsteige, bekomme ich einen dicken Kuss auf die Wange von einem der Ticketverkäufer. Die anderen Passagiere, allesamt Afghanen, starren M und mich an, als würden wir Skianzüge und Bommelmützen tragen, uns in der Nase bohren und dabei lebendige Hamster essen.

Der Bus ist gut in Schuss. Die Worte „Frankford City“ stehen ganz groß außen dran, daneben „LBS Investment Fonds“. Drinnen gibt es eine Plakette auf Deutsch: „Bitte während der Fahrt nicht mit dem Wagenführer sprechen.“

Der Fahrer plaudert trotzdem mit den Passagieren. Er hat einen dicken Bart, eine sehr tiefe Stimme und einen Verband an der rechten Hand. Er fährt ohne erkenntlichen Grund extrem langsam. Mit dem Auto braucht man etwa vier Stunden von Maschad bis Herat. Wir brauchen sechs Stunden bis zur Grenze und weitere anderthalb bis Herat. Laute afghanische Musik macht das Schlafen während der Fahrt schwer.

Es gibt es eine Mittagspause. Es ist das letzte Essen vor der berüchtigten afghanischen Küche. Zum Abschied gibt es Küsse vom Restaurantpersonal.

Wir erreichen die Grenze. Ein fünfminütiger Fußweg an einem lehrstehenden UNHCR-Haus und Kindern, die Gepäck mit Metallkarren transportieren, vorbei führt zum Abfertigungsgebäude. Man muss nicht lange anstehen. Nur wenige Leute wollen nach Afghanistan. Einige haben große Säcke mit Reis dabei. Vermutlich sind es Iraner, denn die halten ihren Reis für den einzig genießbaren auf der Welt.

Wir steigen hinter der Grenze wieder in den Bus. Drinnen stinkt es nach Benzin. Auf unseren Sitzen liegt eine angebrochene Packung Kekse. Meine Wasserflasche ist weg, der Laptop ist aber noch da. Unter den Sitzen ist es rutschig. Es handelt sich offenbar um Benzin. Auf dem Sitz von M, unter den Kekskrümeln, ist auch etwas Benzin, wie sich bei einer Betrachtung seiner Hose in Herat herausstellt.

Die Straße ist die beste in Afghanistan und in einwandfreiem Zustand. Die Sonne ist untergegangen und um uns herum ist es vollkommen dunkel. Nur eine Moschee und ein paar vereinzelte Häuser am Straßenrand haben Strom. Es gibt zwei Polizeikontrollen, eine kurz hinter der Grenze und eine kurz vor Herat. Das Gepäck wird nicht kontrolliert.

Herat ist eine große Stadt mit einer 2500 Jahre alten Zitadelle, einer großen alten Moschee und einigen Parks. Wir steigen im Zentrum aus. Eine kurze Taxifahrt später sind wir im Hotel Mowafaq. Es ist das einzige uns bekannte Hotel, da es vor zwei Jahren, als M zuletzt hier war, noch das einzige der Stadt war.

Wir essen im Restaurant des Hotels. Die angekündigte „beef sauce“ stellt sich als in Öl schwimmendes, zähes Lammfleisch heraus. Dazu gibt es ein paar kalte, labbrige Pommes, Spinat mit weißen Bohnen, einen großen Teller Reis, altes Brot und Joghurt mit einer Hautschicht. Die afghanische Küche wird ihrem Ruf gerecht.

Wir drehen noch eine kurze Runde um die Nachbarschaft. Es ist nach zehn, die Stadt ist dunkel und fast menschenleer. Ein paar Mopeds befahren noch die breiten Alleen mit streng riechenden Abwasserkanälen. Wir laufen an einem modern aussehenden Saftladen und zwei Brautgeschäften mit Bildern von sehr unislamisch gekleideten Frauen vorbei.

Im Hotelzimmer lassen wir uns auf die rudimentären Metallgestelle mit dünnen Matratzen fallen, wünschen den Spinnen und den Kakerlaken eine gute Nacht und schlafen sofort ein.

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