Herat

Herat ist bei Tag eine geschäftige, große Stadt. Und der Tag der Heratis beginnt früh. Schon kurz nach Sonnenaufgang entsteht in der breiten Farhang-Straße unter unserem Hotelzimmer ein ohrenbetäubender Lärm aus Motorrad- und Autogeräuschen und einem lauten Stimmengewirr.

Das hält M und mich nicht davon ab, nach der anstrengenden Reise des Vortages bis zehn zu schlafen. Beim Blick auf die Uhr im Hotel-Restaurant stellt sich heraus, dass es nach afghanischer Zeit sogar schon elf ist. Frühstück gibt es schon lange nicht mehr. Heißes Wasser für unseren selbst mitgebrachten Pulverkaffee bringt uns der immer verwirrt dreinblickende Kellner trotzdem. Während wir da sitzen füllt sich der Raum mit afghanischen Männern, die ihre Turbane absetzen und zu Mittag essen. Sie benutzen dabei kein Besteck, sondern essen, wie es hier Sitte ist, mit den Händen. Oder besser gesagt: mit der rechten Hand, nicht mit der unreinen linken. Ein Stück Brot dient für jeden Happen als Löffel.

Wir gucken uns erst einmal die Stadt an.

Die Zitadelle am Rande der Altstadt ist angeblich 2500 Jahre alt, wurde aber laut Robert Byron in seinem berühmten Buch „Der Weg nach Oxiana“ erst im 14. Jahrhundert erbaut. Sie wird gerade restauriert und soll in zwei Monaten fertig sein, inklusive neuem Museum und Restaurant, und mit einem Musik-Festival eröffnet werden. Ein Soldat nimmt uns zehn Dollar ab und lässt uns hinein gehen, mit vier Kindern als Fremdenführern.

Das gigantische Gelände sieht nicht danach aus, als wäre die Restaurierung fast komplett. Das Museum besteht noch aus einigen wenigen Gemälden, die in einer Kammer herumliegen, und von einem Restaurant fehlt jede Spur. Es ist trotzdem beeindruckend, durch die alte Lehmburg zu wandern. Die Kinder laufen voran, wir klettern langsam hinterher. Es geht hoch und runter, von Turm zu Turm, über Wege, die teilweise nur ein schmaler Vorsprung in der Mauer sind. Ich ignoriere meine Höhenangst, bekomme aber Muskelkater im Bein, vom Zittern.

Bis auf das Hamam, das Bad, ist die Funktion der einzelnen Räume schwer nachzuvollziehen. Im ersten Hof steht ein Haus mit lauter mit Papier abgedichteten kleinen Windtürmen auf dem niedrigen Dach. In einem weiteren Hof sind drei Gräber mit blauen Planen abgedeckt. Ein Gestell für ein Maschinengewehr steht noch auf einer Mauer.

Eine Viertelstunde zu Fuß weiter stadtauswärts stehen fünf schiefe Minarette, die zum Teil mit Seilen vom Umfallen abgehalten werden, in einem Park, daneben ein Haus mit einer Rippenkuppel. Robert Byron war hiervon ganz besonders beeindruckt:

In puncto Dekoration sind Minarette meist die am unaufwendigsten ausgeführten Teile eines Gebäudes. Wenn der Rest der Musalla schöner war als die erhaltenen Minarette, auch nur ebenso schön wie sie, dann dürfte es bis heute keine prächtigere Moschee gegeben haben.

Der Park ist nach Gouhar Schad benannt, der Frau des Kaisers Schah Rukh, die den Komplex, zu dem ursprünglich 30 Minarette, eine Moschee und eine Koranschule gehörten, im 15. Jahrhundert erbauen ließ. Der Park ist erst in diesem Monat mit US-amerikanischen Hilfsgeldern und viel zu vielen Kieselsteinen fertiggestellt worden. In dem Haus mit der Rippenkuppel, das einst innerhalb der Schule stand, liegen auf einem Haufen die verzierten Kacheln, die von den Minaretten abgefallen sind.

Die alte Freitagsmoschee ist groß, in perfektem Zustand und wunderschön, in der besten persischen Tradition. Wir ziehen unsere Schuhe aus und tapsen hastig über den kochendheißen Kachelboden des Hofes in den Schatten. Ein Student mit einem Englisch-Grammatikbuch unter dem Arm erzählt uns, die Moschee sei die größte der Welt. Afghanisches Overstatement. Nach dem Fußballstadion gefragt, behauptet er, es hätte eine Kapazität von 100.000 Zuschauern.

Der Student und seine zwei Freunde, die in der Moschee für die Schule lernen, sind sich uneinig, ob heute ein Fußballspiel stattfindet. Wir fahren auf gut Glück zum Stadion.

Das steht gegenüber von der Universität neben einem großen Park und einem Tae Kwon Do Verein. Das Stadion fasst wohl ein paar tausend Zuschauer. Es sind immerhin zwei Dutzend gekommen, obwohl auf dem Platz nur ein Training einer Jugendmannschaft stattfindet. Erst werden Flanken geübt, dann gibt es ein Trainingsspiel. Die Menschen auf den Tribünen – ausschließlich Männer – trinken Kardamomtee und essen Nüsse. Kinder laufen herum und langweilen sich.

Als wir das Stadion wieder verlassen laufen wir in eine Menschenmenge von mehreren hundert Männern hinein, die im Kreis auf dem Boden sitzen. In der Mitte finden Ringkämpfe statt. Es ist kein Turnier mit Ausscheidung und Gesamtsieger, sondern es kämpft, wer Lust dazu hat. Jeder bekommt einen Gürtel umgebunden, an dem sich die Kontrahenten gegenseitig festhalten, während sie versuchen, sich zu Boden zu werfen. Es finden mehrere Duelle gleichzeitig statt. Spektakuläre Würfe werden vom Publikum mit Johlen honoriert. Die Sieger lassen sich abknutschen. Kinder verkaufen Wasser. Keine Frau weit und breit.

Ein Arzt im Publikum, der lange in Russland gelebt hat, sagt, es wären Männer von weither gekommen, um sich die Ringkämpfe anzuschauen. Die mit den dunklen Turbanen seien Taliban. Er meint damit Paschtunen, eine Volksgruppe, die im Westen Afghanistans nur wenig zahlreich vertreten ist, aber im Süden und Osten des Landes die Mehrheit stellt und aus der sich die Taliban rekrutieren.

Wir laufen durch den Park langsam zurück in Richtung Hotel. Die Sonne senkt sich hinter den Pinien, die mehrere Schlackeplätze säumen, auf denen Kinder und Jugendliche Fußball spielen. Ihre Trikots schmücken Sponsorennamen wie „Fly Emirates“ und Siemens.

Wir kommen an einem Internet-Cafe vorbei, der Strom ist aber gerade ausgefallen.

Ein weiterer, kleinerer Park bildet eine Insel auf der Allee, die zum Stadtzentrum führt. Hier sitzen Männer auf dem Rasen und unterhalten sich oder beten. Zwei Stände mit Tee und Soft Drinks konkurrieren miteinander um die Durstigen. Ihre Attraktion sind aber nicht die Getränke, sondern die Fernseher. An einem der beiden Stände wird „Die Hard 3“ auf VCD gezeigt. Die Plastikstühle und –Tische sind mit gebannt auf den Fernseher starrenden Männern besetzt. Die CD hakt während der Szene mit der Taxifahrt durch den Central Park und läuft nicht mehr. Es muss auf das Fernsehprogramm ausgewichen werden: ein französischer Dokumentarfilm über den afghanischen Nationalhelden Massoud, den Anführer der Nordallianz, der kurz vor dem Sturz der Taliban getötet wurde. Die Gäste wenden ihre Blicke vom Fernseher ab.

M und ich trinken noch einen frisch gepressten Granatapfelsaft im modern eingerichteten Laden neben einer Kebab-Bude und einem Geschäft für CD-Raubkopien indischer Filme. Auch im Saftladen sitzen keine Frauen, es gibt aber im ersten Stock einen Bereich für Familien. Vor dem Laden stehen bettelnde Frauen in Burkas, den blauen Ganzkörperumhängen, die auch das Gesicht bedecken, die während der Talibanzeit alle Frauen tragen mussten.

In Herat laufen nur noch ungefähr die Hälfte aller Frauen in Burka herum. Der schwarze iranische Tschador, der das Gesicht frei lässt, hat Einzug gehalten. Auch Frauen, die nur ein Kopftuch tragen, sind vereinzelt zu sehen. Ganz ohne Hedschab (Kopfbedeckung) lässt sich keine blicken, obwohl das jetzt vom Gesetz her möglich ist.

Im Restaurant unseres Hotels ist wie immer der Fernseher an. Es läuft die afghanische Version von „Popstars“, der Sänger-Casting Sendung. Drei ältere Männer mit langen Bärten sitzen an einem Tisch und gucken amüsiert zu, wie junge Frauen mit Kopftüchern und junge Männer mit gegelten Haaren vor einer vierköpfigen Jury persischsprachige Pop-Songs singen. Sie singen schief. Die Männer vor dem Fernseher lachen gutgelaunt.

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