Herat II

Die öffentliche Bibliothek von Herat ist neu und ordentlich. Sie besteht aus einem großen Saal, in dem Regale mit 30.000 Büchern und ein Lesebereich mit Holztischen und –stühlen Platz finden. Weiße Säulen stützen die hohe Decke, von der goldverzierte weiße Kronleuchter hängen. Vor den Regalen steht ein Tisch mit einem Computer und einer kleinen afghanischen Flagge.

Das ist der Arbeitsplatz von Said Farooq Hashemi. Seit der Eröffnung der Bibliothek vor drei Jahren ist er hier Bibliothekar. Vorher war er Geschichtslehrer. Mit einem Lächeln, in dem einige Zähne fehlen, stellt er seine Bibliothek stolz vor. Fotos lässt er aber nicht zu. Das sei gesetzlich verboten. Schließlich erlaubt er das Fotografieren doch, besteht aber darauf, dass keine Frauen fotografiert würden. M und ich respektieren diesen Wunsch, ohne ihn so recht zu verstehen.

Neben den großteils wissenschaftlichen Büchern auf Persisch gibt es auch eine Reihe von gestifteten englischsprachigen Büchern: „The Volume Library“, ein dreibändiges Lexikon, „The Learning Adventure Library“, ein Kinderlexikon, „The Magical Years“, ein Kinderbuch, „The Medical and Health Encyclopaedia“, „American Cooking“ und die 23 Warren Commision Reports zur Ermordung von John F. Kennedy. Alle dieser Bücher sind im Verlag „Southwestern“ erschienen.

Neben der Bibliothek stehen zwei Buchläden. Alle Bücher, die es hier gibt, sind im Iran gedruckt worden. Am beliebtesten sind Englisch-Sprachbücher und Computer-Bücher.

Wir fahren zum Flughafen von Herat, wo die für die Provinz zuständige International Security Assistance Force (ISAF) Truppen ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben. Es sind hauptsächlich italienische Soldaten, aber auch spanische und slowenische. Wir wollen ein paar Informationen zur Sicherheitslage in Herat bekommen. Die italienischen Wachposten, die so gut wie kein Englisch sprechen, lassen uns erst einmal vor dem Lager warten. Neben dem Haupteingang sitzen einige Afghanen. Sie warten darauf, medizinisch behandelt zu werden. Wir fragen uns, warum sie hierher kommen. Herat hat ein großes Krankenhaus und der Flughafen ist dreißig Autominuten von der Innenstadt entfernt. Wenn es dem Krankenhaus an Medikamenten oder ausgebildetem Personal fehlt, warum fahren die ISAF-Ärzte nicht dorthin und helfen bei der Ausbildung der lokalen Ärzte?

Nachdem wir uns eine halbe Stunde lang wartend von der Sonne haben braten lassen, kommt eine spanische Offizierin, um mit uns zu reden. Sie spricht auch fast kein Englisch. Meine Spanisch-Kenntnisse kommen in Afghanistan zum Einsatz. Wer hätte das gedacht.

Sie weiß uns nicht viel mehr zu erzählen, als dass es überall gefährlich sei. Wir sagen ihr, dass wir überlegen, mit dem Bus nach Kandahar zu fahren. Kandahar ist die größte Stadt im Süden des Landes und war früher die Hochburg der Taliban. Heute finden in der gleichnamigen Provinz und in den anderen südlichen Provinzen wie Helmand und Farah heftige Gefechte zwischen Neo-Taliban und Nato-Truppen statt. Außerdem gibt es dort Räuberbanden. Wenn man von Herat nach Kandahar fährt, kommt man durch Farah und Helmand.

Die Spanierin rät uns dringend davon ab, zu fahren. Es gäbe ständig Überfalle. Wenn es nicht die Taliban seien, dann die Räuber, die aus Armut und Hunger heraus handeln würden. Erst vor kurzem sei ein Lastwagen, der eine Ladung Bier in das ISAF-Lager bringen sollte, überfallen worden.

Wir wollen es genauer wissen und fahren zum kleinen Busbahnhof. Von hier aus fahren täglich Busse nach Kandahar. Eine Gruppe von Busfahrern sitzt in einem der Fahrkartenbüros auf dem Boden und isst zu Mittag. Die Busfahrer sagen, dass die Räuber und Taliban kein so großes Problem seien, wohl aber die Polizei. Die würde die Busse anhalten und Schmiergelder verlangen. Wenn man diese nicht zahle, würde die Polizei den Bus demolieren. Ob sie zwei Europäern wie uns davon abraten würden, mit ihnen nach Kandahar zu fahren. Sie überlegen kurz, bis einer schließlich sagt, nein, das sei schon okay. Für unsere Sicherheit garantieren könnten sie aber nicht.

Wir überlegen es uns und fahren derweil zu einem Stoffladen, denn wir wollen uns afghanische Anzüge machen lassen. Nicht um uns für die Busfahrt zu tarnen, sondern einfach als Souvenirs.

Das Stoffgeschäft befindet sich in einer modernen Mall, wie es seit kurzem mehrere in Herat, mit modischen Klamotten und Elektronikgeschäften, gibt. Dieses Einkaufszentrum spezialisiert sich auf Frauenkleidung. Der Besitzer des Stoffladens verkauft auch Kosmetika, Parfums, Haarfärbemittel und Bruststraffungscremes aus Japan.

Diese Sachen waren alle unter den Taliban strengstens verboten. Trotzdem sagt der junge Mann, während er uns zwei Mal vier Meter weißen Stoff abschneidet, dass das Geschäft früher besser lief. Als die Taliban regierten, verkaufte er all die verbotenen Sachen heimlich – zu viel höheren Preisen als jetzt. Unter dem Strich möchte er die Taliban nicht unbedingt wieder an der Macht haben. Er ist aber mit der wirtschaftlichen Situation unter der jetzigen Regierung unzufrieden. Ich habe den Eindruck, er würde zwar für die Taliban nicht auf die Straße gehen, aber auch nichts dagegen haben, wenn sie zurückkämen.

Mit dem Stoff fahren wir zu einem Schneider, der ein kleines Geschäft in einer ruhigen Straße hat. Er nimmt unsere Maße und will wissen: mit Kragen oder ohne? Wir entscheiden uns gegen einen Kragen. Er braucht einen Tag, um für uns das lange Hemd und die luftige Hose zu machen, die ein Großteil der Afghanen tragen. Et voila:

Zum Abschluss des Tages gehen wir in ein Cafe, das angeblich das beste der Stadt ist und guten Kaffee serviert. Wir nehmen ein Zarang (sprich: Sarandsch), eine Art Rikscha-Taxi, das aus einem Motorrad mit einem daraufgebauten Gerüst und zwei Hinterrädern besteht. In dem abgedeckten Gerüst gibt es zwei schmale Bänke für die Passagiere. Außen steht eine E-Mail-Adresse dran. Man bekommt jede Unebenheit in der Straße mit. Es ist aber irgendwie netter als mit dem Taxi zu fahren.

Das Cafe sieht aus wie eine Teestube. Auf den quadratischen, mit Teppich und Kissen gepolsterten Holzbänken sitzen und liegen Wasserpfeife rauchende Männer. Der Kellner bietet uns Kaffee mit oder ohne Milch und Zucker an. M bestellt einen schwarzen Kaffee, ich einen mit Milch und ein wenig Zucker. Der Kellner nickt und geht weg. Ein junger Mann kommt, breitet einen kleinen Teppich neben uns aus, kniet sich darauf und betet. Als der Kellner wiederkommt, hat er zweimal gesüßten Pulverkaffee, heißes Wasser und Pulvermilch dabei.

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