Herat III

Sia-u-Schan liegt eine Dreiviertelstunde mit dem Auto außerhalb von Herat. Es ist ein Dorf mit einem paar tausend Einwohnern, die in Lehmhäusern wohnen und von der Landwirtschaft leben. Sie halten Ziegen und Rinder und züchten in ihren Feldern vor allem Wassermelonen. Mohn wird hier nicht angebaut, womit den Bauern ein Anteil am lukrativen Opiumschmuggel entgeht. Sie wollen nichts damit zu tun haben, es sei schlecht, sagen einige. Andere beklagen, dass sie für Mohn nicht genug Wasser hätten.

Am Eingang des Dorfes liegt das Skelett eines russischen Panzers. Es dürfte schon mindestens fünfzehn Jahre lang da sein. Vom Krieg der von den USA angeführten internationalen Koalition gegen die Taliban sind die Menschen hier verschont geblieben.

Auch von der internationalen Hilfe für Afghanistan nach Ende des Krieges haben sie wenig mitbekommen. Es sind unter anderem zwei Schulen gebaut worden. In einer von beiden fehlen sechs Monate nach Abschluss der Bauarbeiten immer noch die Toiletten und die Stühle. Vor zwei Wochen seien Leute von der UN hier gewesen und hätten versprochen, in einer Woche mit den fehlenden Sachen zurückzukommen. Sie seien bisher nicht wieder aufgetaucht.

Kinder laufen zur Schule oder reiten auf einem Esel. Ein kleines Mädchen hat eine Schulmappe mit koreanischen Schriftzeichen unter dem Arm, ein Junge trägt eine schwarz-silberne Mütze, auf der „Playboy“ steht. Andere Kinder sitzen mit schlammverkrusteten Füßen auf zwei Meter hohen Lehmmauern, die sie mit großen Haufen nassen Drecks aus Eimern bekleistern, oder arbeiten in den Feldern. Ihre Arbeitskraft wird gebraucht und sie können deshalb nicht zur Schule gehen.

Es gibt auch einen Skandal im Dorf. Der örtliche Polizist hat neulich bei einem Disput zwischen zwei Autofahrern angefangen, um sich zu schießen, und einen Jugendlichen verletzt.

Ansonsten ist es ruhig in Sia-u-Schan. Die mittägliche Stille wird nur gelegentlich vom Quietschen der Pumpe eines Brunnens, Mädchengekicher oder dem Brüllen eines Esels unterbrochen. Große Ameisen marschieren lautlos über den ausgetrockneten Boden unbenutzter Felder.

In Herat ist natürlich etwas mehr los. Besonders gestern abend. Zur Zeit des Abendgebets ist vor der großen Moschee eine Bombe unter einem Motorrad explodiert. 13 Menschen sind gestorben, 18 verletzt worden. Ziel des Attentats war der örtliche Sicherheitschef. Er hat überlebt, aber beide Beine verloren. M und ich haben es nicht mitgekriegt.

Wir liefen gegen sieben Uhr nach der Rückkehr aus Sia-u-Schan durch den Park-e-Farhang, nur einige hundert Meter von der Moschee entfernt, auf dem Weg ins Hotel. Es war sehr windig, es roch nach Gewitter und Fledermäuse flogen uns um die Ohren. Wir hörten einen Knall, der sich wie ein mittelgroßer Böller anhörte, und dachten uns nichts dabei. Erst heute haben wir von der Bombe erfahren.

Wäre das Attentat einen Tag früher geschehen, hätten wir es sicher mitgekriegt. Wir waren vorgestern um die selbe Uhrzeit beim Glasbläser. Das Glas aus Herat hat eine lange Tradition. Blaue, gelbe und grüne Vasen und Gläser werden hier seit Jahrhunderten hergestellt. Heute gibt es nur noch einen Glasbläser. Er ist ungefähr Mitte 30 und klein und hat einen spitzen Buckel auf dem Rücken. Jeden zweiten Tag sitzt er von morgens bis abends vor einem Ofen in einem offenen, höhlenähnlichen Raum zwischen Antiquitätengeschäften schräg gegenüber von der Moschee. Er hält ein Rohr, an dessen Ende mit Kupferpulver bestäubtes flüssiges Glas hängt, ins Feuer, und bläst durch das Rohr das glühende Glas zu einer Form auf. Sein kleiner Sohn hilft ihm und lernt das Handwerk.

Die Fensterscheiben der Läden neben der Werkstatt des Glasbläsers sind durch die Bombenexplosion kaputt gegangen.

Ein italienischer Leutnant, der sich die letzten Informationen von der örtlichen Polizei eingeholt hat und gerade von einem Treffen mit einem Vertreter der EU-Kommission kommt, zeigt sich von der Bombe überrascht. Das würde natürlich ein schlechtes Licht auf die Sicherheitslage in Herat werfen. Es sei aber seit April die erste Bombe in der Stadt gewesen. Wir sitzen im Lager des Provincial Reconstruction Team (PRT) in einer abgesperrten Straße unter einem Strohdach in der „Bar Italia“ und trinken schlechten Espresso aus Plastikbechern. Im April war der Leutnant noch am Anfang seines sechsmonatigen Dienstes hier. Er freut sich darauf, bald wieder nach Hause fahren zu können, und rechnet mit einer Beförderung.

Wir wollen von ihm wissen, wie verrückt man sein müsste, um von Herat mit dem Bus nach Kandahar zu fahren. „Auf einer Skala von 0 bis 100 … 200“. Wir haben ohnehin beschlossen, erst auf unserer zweiten Afghanistan-Reise Anfang Oktober nach Kandahar zu fahren. Von Kabul aus.

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