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The Christiansen Factor

Manchmal gibt es im deutschen Fernsehen ja doch sehr unterhaltsame Momente. Zum Beispiel die Antwort Sigmar Gabriels auf eine Art Annäherungsversuch des schleimigen ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser in einer Sabine Christiansen Sendung am dritten Juni zum Thema G8-Gipfel: „Komm, Meister, jetzt wollen wir es mal nicht so schmusig werden lassen“. Ganz großes Kino. Leider gehörten solche ungewollt komischen Momente zu den Höhepunkten der großen deutschen Polit-Talkshow. Die endlose Diskussion zwischen Gregor Gysi und Günther Beckstein, wer wen ausreden zu lassen hat, verlor einfach mit den Jahren an Spannung. Außerdem, so breit das Spektrum der Themen auch war, von „Aufschwung, Sonne, Knut – geht’s uns wirklich wieder gut?“ bis „Was kann die Jugend von den Alten lernen?“, hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Redaktion von Sabine Christiansen nicht immer die jeweils aktuell wichtigsten politischen Entwicklungen aufgegriffen hat.

Die Sendung gibt es ja nun seit einem Monat nicht mehr und hat ihr Fett auch schon abbekommen. Ihr wurde zum Beispiel ein neoliberal dominierter Diskurs vorgeworfen. Trotzdem war Sabine Christiansen immer die mit großem Abstand führende Meinung machende deutsche Politiksendung. Eine Institution Sonntags nach dem Tatort und der Ort, an dem sich deutsche Politiker, Konzernchefs und Persönlichkeiten präsentierten und ins Wort fielen.

Eine Sendung, der man wohl auch einen neoliberal dominierten Diskurs, unter vielen anderen Sachen, vorwerfen kann, ist die führende Meinung machende US-amerikanische Politiksendung: The O’Reilly Factor auf Fox News. Bill O’Reilly gibt dort wochentäglich eine Stunde lang lautstark seine Meinungen zum Besten, lässt sie sich von jungen Fox News Reporterinnen bestätigen und zieht über alle her, die seine arg konservativen und grob vereinfachenden Ansichten nicht teilen. O’Reilly lässt dabei keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass The O’Reilly Factor das „dominant number one cable news program in the USA“ ist. Das ist kein Spin, denn sie hat tatsächlich konstant die höchsten Einschaltquoten aller Sendungen der drei großen Nachrichtensender CNN, Fox News und MSNBC.

Die Opfer von O’Reillys Tiraden sind meist die „liberals“, also Demokraten. Es gibt für O’Reilly nur eine Steigerung von liberal, nämlich „far-left“. Dieses Etikett verdiente sich zuletzt der beliebte, der Demokratischen Partei nahe stehende Blog Daily Kos. O’Reilly hat am Montag, den 16. Juli Benutzer-Kommentare auf der Daily Kos Seite in seiner Sendung vorgetragen, in denen z.B. dem Pressesprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, der Tod gewünscht, oder der Papst als „Primat“ bezeichnet wurde. Von diesen Kommentaren (nicht dem Blog-Inhalt selber) ausgehend, wetterte O’Reilly seither in jeder Sendung gegen Daily Kos, das er als „far-left hate enterprise“ bezeichnete und mit dem Ku Klux Klan und den Nazis verglich. Es wurde ein Kamerateam zur Wohnung des Geschäftsführers der Fluggesellschaft Jet Blue, David Barger, geschickt. Jet Blue war als Sponsor der Anfang August stattfindenden Daily Kos Tagung, genannt Yearly Kos, vorgesehen, überlegte es sich auf Druck von O’Reilly aber noch mal anders. Laut Barger hatte Jet Blue ohnehin nur zehn Fluggutscheine zur Verfügung stellen wollen. Nun prangert O’Reilly seit Tagen Hillary Clinton und andere Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei an, die an der Yearly Kos Tagung teilnehmen werden.

Offensichtlich musste jemand O’Reilly mal erklären, wie das Internet funktioniert. Das versuchte die Professorin für Kommunikationswissenschaften und Fox News Mitarbeiterin Jane Hall gestern in O’Reillys Sendung, indem sie ihn darauf aufmerksam machte, dass es auf Blogs und Webseiten, inklusive auf O’Reillys eigener, nun einmal anstößige Kommentare gibt, für die die Betreiber nichts können. Er nannte sie eine Lügnerin und drehte ihr das Mikrofon ab.

Sehr sehenswert wie immer übrigens die Reaktion von Stephen Colbert, dem Moderator von The Colbert Report, der Satireversion von The O’Reilly Factor.

Manchmal ist es von Vorteil, dass Trends aus Amerika immer viele Jahre brauchen, um bei uns anzukommen. Außerdem wäre eine Satire-Fernsehsendung über Sabine Christiansen womöglich noch langweiliger gewesen als ihr Vorbild.

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