Argentinische Gmüatlichkeit


Benito Bichler steht vor der Pension Alpino, die ihm gehört, und blickt weit zurück. „Früher machten wir hier am 12. Oktober zum Kolumbus-Tag ein paar Fässer auf“, erzählt er, während aus einem Lautsprecher in der Straße wenige Meter entfernt das Lied „Oans, zwoa gsuffa“ tönt. „In den Nachbardörfern war nichts los, also sagten sie sich, ‚gehen wir zu den Deutschen, Bier trinken‘“. Was Bichler beschreibt, ist der Ursprung einer Veranstaltung, die dieser Tage zum 46. Mal im deutschen Dorf in der Mitte Argentiniens, Villa General Belgrano, stattfindet. „Nach einer Weile sagten wir, ‚nennen wir das Kind doch beim Namen‘ und haben es ‚Fiesta de la Cerveza (Bierfest)‘ getauft“. Heute sagt man dazu auch „Oktoberfest Argentina“. Die Besucher kommen längst nicht mehr nur aus den Nachbardörfern, sondern zwischen dem 2. und dem 12. Oktober zu zehn- bis hunderttausenden von überall her.


Es sind die wohlhabenden Argentinier, sowie europäische und amerikanische Touristen, die sich die Urlaubsreise in den idyllischen 6000-Einwohner Ort mit seinen holzverkleideten kleinen Häusern leisten können. Dazu gehören der Aufenthalt etwa im Hotel Edelweiss oder in einem der Lorelei Bungalows, vier Euro Eintritt pro Tag fürs Festgelände, ein Bierkrug für mindestens fünf Euro, ohne den man das Bier zu knapp drei Euro pro halbem Liter nicht bekommt, und Würstchen im Brot für vier Euro. Wer mit der ganzen Familie anreist, kann gut und gerne an einem Wochenende das durchschnittliche Monatseinkommen einer argentinischen Familie auf den Kopf hauen. Hinzu kommen die Souvenirs, die es überall zu kaufen gibt. Fast jeder gönnt sich wenigstens eine grüne Filzmütze oder ein T-Shirt. Darauf steht z.B. „Bier zum Frühstück – Villa General Belgrano“ oder auch „Deutsche Luftwaffe“. Letzteres Motiv, ergänzt durch ein Eisernes Kreuz, gehört zum Repertoire eines kleinen Geschäfts in der Hauptstraße, das nach einem 1941 im Atlantik versenkten deutschen Kriegsschiff „Bismarck“ heißt. Die Spezialität des Ladens sind allerdings die „Admiral Graf Spee“ T-Shirts.


Das Panzerschiff Admiral Graf Spee wurde 1939 von britischen Schiffen im Río de la Plata vor Uruguay beschädigt. Das kleine Nachbarland Argentiniens gewährte den Deutschen nur 72 Stunden lang Zuflucht – nicht genug, um das Schiff zu reparieren. Gezwungen, wieder in See zu stechen, wo feindliche Schiffe warteten, missachtete Kapitän Hans Wilhelm Langsdorff den Kampfbefehl aus der Heimat und sprengte die Graf Spee in die Luft. Die etwa 1100 Mann starke Besatzung schlüpfte in Buenos Aires unter, wo der Kapitän Selbstmord beging. Von dort aus ging es für die restlichen Matrosen in verschiedene Teile Argentiniens weiter, 140 von ihnen ließen sich im 750 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Ort Villa General Belgrano in der Provinz Córdoba nieder, der damals noch El Sauce (Die Weide) hieß. Die Gegend hatte mit ihren Bergen, Wäldern und Seen bereits zuvor deutsche Einwanderer angelockt; die Männer der Graf Spee hatten es nicht schwer, sich einzuleben. „Das Dorf ist deutschsprachig aufgewachsen“, erzählt Benito Bichler. „Die Hiesigen waren in der Minderheit und mussten Deutsch lernen.“ Einen Zwischenfall mit Folgen gab es aber doch. Drei der Matrosen sollen eine argentinische Flagge verbrannt haben. Daraufhin zwang die argentinische Regierung dem Dorf den Namen des Unabhängigkeitshelden Manuel Belgrano auf, der die Nationalflagge entworfen hatte. Das sei eine lange Geschichte, so Bichler, ungewöhnlich wortkarg. „Man weiß genau, wer das war, mit der Flagge“. Mehr will er dazu nicht sagen.

Als kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs Argentinien als letztes Land Deutschland den Krieg erklärte, war es vorbei mit der Amnestie, die Männer von der Graf Spee mussten zurück nach Deutschland. Die meisten wollten aber nicht weg, einige hatten in der neuen Heimat schon Familien gegründet. Außerdem war das Leben hier angenehmer als in den Trümmern Deutschlands. Als Benito Bichler als Kind mit seinen aus Bayern stammenden Eltern Anfang der 1950er Jahre aus Buenos Aires ins Dorf kam, waren fast alle der Matrosen schon wieder da. „Viele sagen, das waren alles Nazis, aber das ist Mist. Das waren doch junge Burschen, Arbeiter wie wir“, erinnert er sich in einem Deutsch, das mal bayrisch, mal Spanisch klingt.

Von den Seemännern der Graf Spee lebt nur noch einer. Der ist gerade nach Deutschland gereist, um dort seinen 90. Geburtstag zu feiern. Das Dorf hat sich mit der Zeit verändert, ebenso das Oktoberfest, das Benito Bichler mitgegründet hat. Heute geht er nicht einmal mehr hin. Es sei ihm zu kommerziell geworden, sagt er, „es ist nicht mehr so…“, er sucht das richtige Wort, „… gemütlich! Nicht mehr so gemütlich wie früher“.


Mit dem Kommerz meint er beispielsweise die Stände der großen und kleineren Bierbrauereien auf dem waldähnlichen Festgelände, die helles, dunkles und rotes Bier anbieten, aber kein Weißbier. Auch Weißwürste fehlen, dafür gibt es Knackwurst mit Sauerkraut. Die Verkäuferin am Stand „Los Cerezos“ spricht Knackwurst „Snack“ aus. Ihr Sohn besucht die deutsche Schule des Ortes und geht demnächst zum Schüleraustausch nach Oldenburg. Er wird wohl etwas ganz Falsches verstehen, wenn ihm dort jemand „Ick snack Platt“ sagen sollte.


Dazu, dass immer mehr Besucher kommen und das Fest ein kommerzieller Erfolg wird, soll auch das gute Dutzend Gruppen aus verschiedenen Teilen des Landes beitragen, die Folklore-Tänze aus aller Welt zum Besten geben. Es gibt eine „Kosaken-Truppe“ aus Misiones im Nordosten Argentiniens, die ukrainische Tänze aufführt, eine irische Gruppe aus Buenos Aires und sogar eine palästinensische Tanzkompanie aus der Industriestadt Rosario. Ein weiterer Programmpunkt auf der großen Bühne im „Bierpark“ ist die Wahl zur Bierkönigin. Dieser Wettbewerb ist allerdings nicht neu, sondern findet fast so lange jährlich statt wie das Fest selbst. Elf Kandidatinnen zeigen sich in Trachtenkleidern und in Badeanzügen. Tausende Menschen sitzen auf Plastikstühlen und schauen zu, während gleich drei Moderatoren die Schönheiten mit Angabe der Körpermaße und anderer wichtiger Details vorstellen und nach ihren Träumen im Leben fragen. Dazu spielt das Zillertal Orchester, bestehend aus weißhaarigen Männern in Schweizer Tracht. Als Gewinnerin wird schließlich Carolina Sguazzini aus Godoy Cruz in der westlichen Provinz Mendoza gekürt. Die Jury, bestehend aus lokalen Prominenten, macht mit dieser Entscheidung ein halbes Dutzend junger Männer im Publikum glücklich, die mit Sprechchören die „Nummer sechs“ angefeuert hatten. Die Anfangzwanzigjährigen tragen alle schwarze T-Shirts, auf denen „Oktoberfest 2009“  und ihr jeweiliger Name stehen, und darüber wie Schärpen schwarz-rot-goldene Bänder, an denen sie ihre Krüge befestigt haben. Die hatten sie sich vor wenigen Stunden beim Anzapfen füllen lassen, als zwar auf Deutsch die zehn Schläge gezählt wurden, es dann aber nicht „o’zapft ist!“, sondern „espichado! (gestochen!)“ hieß.


Nach dem Schönheitswettbewerb ist das offizielle Programm für den Tag beendet. Die Besucher ziehen weiter in die Restaurants des Ortes wie das „Ciervo Rojo“ (Roter Hirsch), um weiter Bier zu trinken. Auch Alejandro Hitzler geht noch nicht zurück ins Hotel. Der 30jährige ist Mitglied der Tanzgruppe „Junge Freunde Deutschlands“ aus der nordostargentinischen Provinz Santa Fe. Sein Vater hat die Gruppe mitgegründet, zu der auch die Nachfahren weiterer Matrosen der Admiral Graf Spee gehören. Man trifft sich regelmäßig, übt deutsche Volkstänze, hört deutsche Musik und isst deutsches Essen. Auf dem Oktoberfest führen sie innerhalb von drei Tagen dreimal deutsch-österreichische Tänze auf. Alejandro Hitzler, mit seinem deutschen Namen („Hitler mit einem Z in der Mitte“, scherzt er), seinen blonden Haaren, seiner Lederhose und seinen Wadenwärmern, spricht wenig Deutsch, kann den Namen seines Vereins kaum aussprechen. Seine Großeltern kamen aus dem bayrischen Rosenheim nach Argentinien, er selbst war nie dort. Er würde aber gerne Deutschland kennen lernen, „weil es ein Erste-Welt Land ist und das Leben dort ganz anders ist als hier“, sagt Hitzler, der während der letzten Militärdiktatur geboren wurde und deshalb nicht auf den ausländischen Namen Alexander getauft werden durfte, den seine Eltern bevorzugten. „Außerdem“, fügt er hinzu, „bin ich Fan von Michael Schumacher“. Leider sei es aber im Moment finanziell unmöglich, nach Deutschland zu reisen. So lebt Hitzlers Deutschlandbild weiter von den Erinnerungen seiner Großeltern. Für ihn, wie für viele Deutsch-Argentinier der jüngeren Generationen, besteht das Land seiner Vorfahren vor allem aus Lederhosen, Schuhplattler und Bier. Und aus Geschichten von Seeschlachten.

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