Los Pantalones


Beim jüngsten Besuch ihrer zweiten Heimat haben die Toten Hosen weiter an ihrem Denkmal gebaut. Die mit Abstand beliebteste deutsche Band in Argentinien waren sie schon, nach einem Gratiskonzert auf einem Balkon in Buenos Aires wird nun in einer Facebook-Gruppe an einem nationalen DTH-Feiertag inklusive jährlich stattfindenden „Hosen-Fest“ gearbeitet.

Die bisher noch inoffiziellen Festspiele beginnen diesmal mit einem Konzert in der Stadt Rosario. Es ist der erste von fünf Auftritten der deutschen Gruppe innerhalb von acht Tagen bei ihrem zehnten Besuch des südamerikanischen Landes. Die Brüder Martin und Christian Throm, Söhne einer Mutter aus Aachen und eines deutsch-argentinischen Vaters, und ihre drei nichtdeutschsprachigen Kollegen der Hosen-Coverband Opelgang werden bei allen fünf Auftritten im Publikum sein. Aus sicherer Quelle wissen sie, dass „los Hosen“ erst um zehn vor elf in Rosario auf die Bühne gehen. Sie verzichten auf die beiden Vorgruppen und trinken lieber noch ein Bier. Um Viertel nach zehn spazieren sie Richtung Paraná-Fluss, zum Klub „Galpón (Schuppen) 11“. Dabei singen sie das Lied „Blitzkrieg Bop“ der Ramones: „Hey ho! Let’s go!“ Es wird vor jedem Auftritt der Hosen angespielt, einen Moment bevor die Düsseldorfer ihre Show beginnen. Die unglückliche Verknüpfung des Begriffs „Blitzkrieg“ mit einer deutschen Band scheint niemandem aufzufallen.

Der Klub in einem ehemaligen Lagerhaus etwa 300 Kilometer nordöstlich von Buenos Aires ist mit ungefähr 500 Leuten voll, aber nicht ganz gefüllt. T-Shirts der frühen Punkbands wie die Ramones, The Clash und die Sex Pistols überwiegen. Nietengürtel sind nicht selten, auch eine handvoll Irokesen läuft herum. Etwa ein dutzend „Ultras“ aus Deutschland ist außerdem dabei. Sie sind hier, weil man als Hosen-Fan, analog zur islamischen Pilgerreise nach Mekka, die Band einmal in Argentinien erlebt haben muss. Die Opelgang hat kleine Flaschen Fernet Branca eingeschmuggelt und mischt das Digestivum, wie in Argentinien üblich, mit Cola. Alkohol gibt es drinnen nicht zu kaufen. Als die Hosen auf die Bühne kommen, haben ihre argentinischen Doppelgänger längst ausgetrunken und sich ganz vorne im Publikum positioniert.

„Wir sind froh, zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder hier in Rosario zu spielen“, verkündet Gitarrist Breiti, der als einziges Bandmitglied Spanisch spricht. Sänger Campino entschuldigt sich dafür, dass er die Lokalsprache immer noch nicht einmal in Ansätzen beherrscht. Er will sagen, dass es ihm peinlich sei, aber das Wort „embarasamente“, das er in Anlehnung an das englische „embarrassed“ erfindet, kommt im Spanischen am ehesten dem Begriff „embarazada“ (schwanger) nahe. Man verzeiht es ihm. Als die Menge wie eine Fußball-Fankurve „Olé … olé olé olé … Toten … Hosen“ skandiert, hält Campino einen Moment inne und grinst. Wieder auf argentinisch gefeiert zu werden, darauf hatte er sich gefreut. Der Schub positiver Energie kommt gerade richtig. Uwe Faust, der die Band von Anfang an in verschiedenen Funktionen überallhin begleitete, ist vor zwei Tagen nach einer längeren Krankheit gestorben. Campino wird ihm im Laufe der Tour mit den Worten „Ich kann mir dieses Land ohne ihn nicht vorstellen“ bei jedem Auftritt mindestens ein Lied widmen. Heute spielen sie „Cocaine in the Brain“ für Faust. Christian Throm von der Opelgang meint, das sei eine Anspielung darauf, dass „Dr. Faust“ früher auf Tour immer den Kopf hinhalten musste, wenn die Band mit Drogen erwischt wurde. Er habe so manch eine Nacht im Gefängnis verbracht, damit die Hosen weiterfahren konnten.

Nach der Show gehen die Opelgang und ihre Entourage noch ein Bier trinken, aber sie sind so müde, dass sie es kaum noch austrinken. Kurz bevor alle zum Schlafen zurück in die  Jugendherberge gehen, verabschiedet sich Sänger Martin Throm mit der Erklärung, er wolle noch etwas von Rosario sehen. Die Anderen entdecken ihn aber wenige Minuten später, er steht vor dem Hotel der Hosen und unterhält sich mit Roadie „Fratze“. Die Nähe der Helden war zu groß, als dass er sich ihrem Bann hätte entziehen können. Aber um drei Uhr morgens war keiner der fünf beinahe fünfzigjährigen ehemaligen Saufpunks mehr auf.

Am folgenden Tag steht in Buenos Aires der nächste Höhepunkt der Hosen-Festspiele auf dem Programm: das Pepsi Music Festival, das größte seiner Art in Argentinien. Es spielen vor 25.000 Zuschauern, die für den Eintritt einen für hiesige Verhältnisse äußerst stolzen Preis bezahlt haben, unter anderen auch die wiedervereinigten Faith No More.

Vor vier Jahren traten die Toten Hosen zuletzt auf dem Pepsi Music Festival auf. Damals brach Campino nach der ersten Strophe des Lieds „All die ganzen Jahre“ plötzlich ab und holte mit dem Hinweis, da sei einer, der die ganze Zeit mitsinge, einen Anfangzwanzigjährigen  mit freiem Oberkörper und langen blonden Haaren aus dem Publikum auf die Bühne. Der sollte den Rest des Liedes singen und erledigte diese Aufgabe erstaunlich überzeugend. Es handelte sich bei dem vermeintlich spontan aus dem Publikum ausgesuchten Fan um Martin Throm, den Sänger der Opelgang.

„Leider muss ich zugeben, dass das abgesprochen war“, erzählt Martins Bruder Christian. „Sie hatten ihm gesagt, dass er auf der rechten Seite der Bühne stehen soll“. Das war am vorherigen Tag geschehen, beim Hosen-Konzert in Córdoba. Dort hatte Campino den Sänger der Band, die bis vor kurzem ausschließlich Lieder der deutschen Vorbilder spielte, im Publikum erkannt und auf die Bühne geholt. Man kannte sich von einem Auftritt der Opelgang zwei Jahre zuvor, als die Toten Hosen überraschend auftauchten und fünf Lieder mitspielten: „Einer der besten, wenn nicht der beste Abend, unserer Leben“, schwärmt Christian Throm.

Die deutsch-argentinischen Brüder haben die Musik der Toten Hosen zum ersten Mal gehört, als ein Freund eine CD aus Deutschland mitbrachte. Aber es war das erste Live-Erlebnis, das sie süchtig machte. „Die Band haben wir gegründet, um nicht immer so lange auf das nächste Hosen-Konzert warten zu müssen“, sagt Christian. Ihre Bandkollegen und Freunde hingegen haben mit Deutschland und der deutschen Sprache nichts am Hut. Alberto, genannt „Beto“, der alle ins seinem Auto von Rosario nach Buenos Aires zurück fährt, hat Christian an der Uni kennen gelernt. Er trug im Hörsaal ein T-Shirt der Toten Hosen, dadurch kamen sie ins Gespräch. Betos Leidenschaft für „los Hosen“ hat ein Geburtsdatum: den 16. März 1996. Es war das letzte von 26 Konzerten der in Argentinien vergötterten Ramones. Vorgruppe der New Yorker Punkpioniere im Fußballstadion „El Monumental“ waren die hierzulande noch nicht sonderlich bekannten Toten Hosen, vier Jahre nach ihrem ersten Auftritt am Silberstrom. Mit ihren an Fußballsprechchöre erinnernden Refrains und ihrer leidenschaftlichen Show haben sie nicht nur Beto an diesem Abend davon überzeugt, dass sie die legitimen Nachfolger der sich verabschiedenden Idole sein könnten. Zusätzliche Bonuspunkte sammeln die Hosen seit dem Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft 2001 immer wieder, wenn sie ihre zweite Heimat besuchen und faire Eintrittspreise verlangen, obwohl das einen finanziellen Verlust bedeutet. Man rechnet ihnen hoch an, dass sie sich viel Mühe geben, ihren Fans etwas Besonderes zu bieten.

Diesmal haben sie es damit noch ein bisschen weiter getrieben als bisher. Eine „Magical Mystery Show“ war angekündigt, erst wenige Stunden vor Beginn werden Ort und Uhrzeit bekannt gegeben, aber es kommen ein paar tausend Menschen in die schmale Straße Rodríguez Peña mitten in der Hauptstadt, drängen sich, klettern Schaufenstergitter und Bäume hinauf, tanzen Pogo und singen jeden Refrain mit. Manche tragen Säuglinge auf den Schultern. Die Toten Hosen stehen auf dem Balkon eines Tattoo-Studios im ersten Stock und geben fast anderthalb Stunden lang an einem Mittwochabend um halb neun ihr Repertoire zum Besten, von „Liebesspieler“ bis „You’ll Never Walk Alone“. Hinterher bleibt ein großer Teil der Menge in einem kleinen Park um die Ecke fast ungläubig stehen, trinkt und redet darüber, was sie gerade erlebt haben. So macht es auch der 26jährige „Fino“, der eigentlich Adrián heißt. Er ist ein Fan des Punkrocks älteren Schlages, daher seien die Hosen ganz nach seinem Geschmack. Den Eintritt für das Pepsi Music Festival habe er sich allerdings nicht leisten können. Umso dankbarer sei er den Hosen für das Gratiskonzert, das sie soeben gegeben haben.  Ob es ihn nicht störe, die Texte nicht zu verstehen, schließlich seien die beim Punkrock doch besonders wichtig? „Mir ist das Auftreten wichtig“, meint Fino. „Das, was die hier gemacht haben, auf einem Balkon zu spielen, hat keine hiesige Punkband jemals gemacht. Für mich ist das wie die Beatles auf dem Dach“. Zudem, fügt er hinzu, habe sich Campino vom Balkon ins Publikum gestürzt. Auf dieses Ritual hat der Sänger trotz der Höhe nicht verzichtet. „Mehr Punk“, so Fino, „geht nicht“.

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