Terremoto



Das erste Wochenende nach dem fünftstärksten jemals gemessenen Erdbeben war in Santiago de Chile von Hilfsbereitschaft und Patriotismus geprägt. Die Hälfte der Menschen liefen mit Aufklebern auf der Kleidung durch die Hauptstadt, auf denen ein Herz und die Aufschrift „Chile ayuda a Chile (Chile hilft Chile)“ abgebildet waren und die an jeder Ecke gegen eine Spende für Notunterkünfte im Erdbebengebiet verteilt wurden. Auf der Plaza Italia fand ein Benefizkonzert statt, auf der Plaza de Armas Freilufttheater. Junge Menschen nahmen, ihren großzügigen Mitbürgern begeistert applaudierend, Sachspenden entgegen. Die rot-weiß-blaue chilenische Flagge mit dem Stern oben links war allgegenwärtig, die Menschen hatten in die Rückfenster ihrer Autos mit weißer Farbe Sprüche wie „Vamos Chile“ (Auf geht’s Chile) oder „Fuerza (Kraft) Chile“ geschrieben. Die Sonne schien. Die Leute flanierten durch die Innenstadt und aßen Eis. Sie wirkten erleichtert, sich nach einer harten Woche wieder den schönen Seiten des Lebens widmen und gleichzeitig etwas für ihr Gewissen tun zu können. Die Hilfsbereitschaft und Solidarität lösten positive Energie aus. Am Sonntag titelte ein Boulevardblatt „Endlich ein Grund zur Freude!“, ein anderes gar „Wir sind ganz groß!“ Die Spendenaktion des Vortags, zu der auch eine 24stündige Fernsehübertragung gehörte, hatte mit umgerechnet etwa 42 Millionen Euro das Doppelte des erklärten Ziels eingebracht. Für das Selbstwertgefühl der Chilenen war es dringend benötigter Balsam nach den Berichten von Plünderungen und Schießereien in der größten Stadt des Katastrophengebiets, Concepción.

Dort verbrachten viele Menschen den Sonntag damit, sich einen Eindruck zu verschaffen, was aus ihrer Stadt geworden war. Unter tief hängenden, dichten Wolken spazierten sie an mit Klebeband abgesperrten eingebrochenen Häusern vorbei und fahren mit ihren Fahrrädern unter herunterhängenden, wirr verflochtenen Stromleitungen hindurch, schwiegen betreten, fotografierten das ehemalige Luxuseinkaufszentrum oder das, was bis vor einer Woche das Haus des Nachbarn gewesen war. Am Abend entluden sich die Wolken. Die Bürgermeisterin von Concepción, Jacqueline van Rysselberghe, kritisierte in einem TV-Nachrichtensender mit nassen Haaren, die Regierung der Präsidentin Michelle Bachelet habe ihre Warnung vor Regenwetter ignoriert und es versäumt, rechtzeitig Notunterkünfte zur Verfügung zu stellen. Zum Glück für die durch das Erdbeben obdachlos gewordenen Bürger von Concepción blieb es bei leichten Schauern, die nicht lange nach Beginn der Ausgangssperre um 21 Uhr wieder nachließen.

Um zehn Uhr dürfen die Menschen in Concepción wieder vor die Tür. Der Montag ist sonnig, die Atmosphäre geschäftig. Die Läden öffnen nach und nach wieder ihre Türen, auch die Banken haben geöffnet. Mit Gewehren bewaffnete Soldaten achten darauf, dass die Kunden einer nach dem anderen eintreten. Es bilden sich Menschenschlangen bis zur nächsten Ecke vor Banken, Apotheken und Supermärkten. Dina Cartas ist die zwanzigste in der Schlange vor der Filiale der Bank Corpbanca in der Hauptstraße O’Higgins. „Ich warte hier schon seit fast zwei Stunden darauf, zum ersten Mal seit dem Erdbeben Geld abheben und damit etwas kaufen zu können“, erzählt Cartas. Der Weg zur Bank hat allerdings noch viel länger gedauert. „Ich bin um halb acht morgens in meinem Heimatort Lota losgelaufen. In Coronel habe ich einen Bus bis San Pedro genommen, und von dort bin ich hierher gelaufen. Um zwölf war ich in Concepción“. Das Haus der Familie Carta hat keine größeren Schäden davongetragen. Eine andere Auswirkung der Naturkatastrophe macht sich allerdings bemerkbar. „Ich warte darauf, dass das Chaos vorbei ist, um meinen jüngsten Sohn zum Arzt zu bringen“, so die 43jährige Cartas. „Ihm ist schwindlig, er schläft nachts nicht. Es hat ihn psychologisch sehr hart getroffen“.

Ein ähnliches Problem hat Hortensia Bustos, deren Töchter nicht mehr das zweistöckige Holzhaus betreten wollen, in dem die Familie wohnte, bis es in den frühen Morgenstunden des 27. Februar so sehr wackelte, dass es Hortensia Bustos so vorkam, „als würde jemand das Haus hochheben und wieder fallen lassen“. Damals nahmen sie und ihr Mann die drei gemeinsamen Töchter und liefen aus Angst vor einem Tsunami in die nahe gelegenen niedrigen Berge, wo sie den Rest der Nacht verbrachten. Seitdem wohnt die Familie bei der Mutter von Hortensia Bustos. Die ist 80 Jahre alt und hat auch das Erdbeben von 1960 erlebt, das mit einem Wert von 9,5 auf der Richterskala das stärkste war, das je gemessen wurde. Das jüngste Erdbeben sei schlimmer gewesen, habe ihre Mutter erzählt, sagt Bustos. Diesmal habe der Tsunami die Küste vollkommen verwüstet. Die Gegend, in der die Familie Bustos lebt, genannt Población Aurora de Chile, ist von dem Tsunami verschont geblieben. Es liegt am Fluss Bío Bío, unweit der Mündung in den Pazifischen Ozean. Hier ist eine 70 Jahre alte Brücke zusammengestürzt. Die Bewohner des Viertels, in dem die Straßen unbepflastert sind, gehören der unteren Mittelschicht an. Sie haben größtenteils Arbeit, verdienen aber kaum genug, um über die Runden zu kommen. Nun fühlen sie sich von der Regierung und den Medien im Stich gelassen. Keiner ist gekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden und ihren Bedürfnissen zu erkundigen. Trinkwasser mussten sie sich selber beschaffen, indem sie ein sieben Meter tiefes Loch bohrten und einen Schlauch einführten, durch den sie das Wasser mit einer elektrischen Pumpe zu Tage fördern.

Jorge Figueroa ist derjenige im Viertel, den alle rufen, wenn etwas repariert werden muss. Nun kümmert er sich vor allem um Fernseher und andere Haushaltsgeräte, die im Erdbeben umgefallen sind. Er nimmt dafür kein Geld, versteht sich. In Zeiten, da über eine Woche lang keine Lebensmittel, Medikamente oder Hygieneprodukte zu bekommen sind, muss man innerhalb der Nachbarschaft zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. In dieser Nachbarschaft haben allerdings auch viele sich selber geholfen und in den Geschäften bedient. Figueroa verteidigt sein Verhalten und das seiner Nachbarn: „Die Supermärkte sind damals geschlossen geblieben. Man wartete darauf, dass jemand von der Versicherungsfirma kommt und grünes Licht gibt, die Ware wegzuwerfen. Verteilen wollten sie sie nicht, weil das die Versicherung nicht bezahlt hätte. Also sind die Leute hingegangen, haben geplündert und sich versorgt“. Er beklagt, die Menschen aus dem Viertel seien stigmatisiert worden. „Wir werden als Plünderer bezeichnet, aber wir haben etwas absolut Notwendiges gemacht. Denn es kam überhaupt keine Hilfe. Die Behörden haben uns im Stich gelassen“. Es ist in diesen Tagen in Chile viel die Rede von der Unterscheidung zwischen denjenigen, die aus Not Lebensmittel gestohlen haben, und denjenigen, die auch teure Haushaltsgegenstände wie Waschmaschinen und Fernseher im allgemeinen Chaos haben mitgehen lassen. Jorge Figueroa legt wert darauf, nicht auf die falsche Seite dieses Dualismus zu gehören. „Dies ist keine Gemeinde von Dieben, sondern hier leben Menschen, die arbeiten, und die sich in einer kritischen Situation befanden. Da mussten Entscheidungen getroffen werden, auf die wir nicht stolz sind, aber das Überleben hatte Priorität. Ich kann einem Kind nicht sagen: ‚Ich kann dir nichts zu essen geben, denn der Mann von der Versicherung war noch nicht beim Supermarkt‘“. Er wehrt sich weiter: „Sie sagen jetzt, dass wir die Plünderer waren, erwähnen aber nie, dass Leute in Allradwagen, also Menschen mit Geld, kamen und den Leuten die Sachen abkauften, die sie aus dem Supermarkt geholt hatten“.

Viele Geschichten gehen trotz der medialen Aufmerksamkeit auf Concepción unter. So läuft eine kleine, etwa 40jährige Frau mit rötlichen, lockigen Haaren, die sich als Anita vorstellt, durch die Straßen der Stadt und erzählt jedem, der ihr zuhört, verzweifelt von der Situation in ihrem Dorf, das Valle la Piedra heißt, von etwa 50 Menschen bewohnt wird und in den Bergen liegt: „Wir brauchen Hilfe. Wir fühlen uns vom Bürgermeister total im Stich gelassen. Wir waren beim Lokalradio und überall sonst, um unser Leid zu klagen. Wir wissen nicht, was wir noch tun sollen“. Aus Angst vor Nachbeben könne sie nicht mehr ruhig in ihrem Haus schlafen. „Es wird der Tag kommen, da alles den Berg runter fällt und wir unter der Erde sind. Dann werden sie kommen und es sich ansehen. Wenn es zu spät ist“. Ihre Augen sind feucht und glasig, und in den Lücken zwischen ihren wenigen, winzigen schwarzen Zähnen bildet sich Schaum: „Das einzige, um das ich bitte, sind Lebensmittel: Milch, Reis, Zucker, Öl, was auch immer. Bitte, wir brauchen diese Lebensmittel für die Kinder. Wir brauchen auch Medikamente. Eines der Kinder hat 40 Grad Fieber. Es ist nichts bei uns angekommen. Bitte, legt die Hand aufs Herz, ich bitte euch weinend darum. Diese Situation ertragen wir nicht mehr. Ich bitte einfach nur die Leute, die mir zuhören und die mich angucken, dass sie Lebensmittel für meine Leute in Valle la Piedra bringen, denn wir brauchen sie dringend. Guckt mich nicht so unverbindlich an“, schreit sie plötzlich die verdutzten Passanten an. „Ich setze mich hier für meine Leute ein, damit wir Hilfe bekommen. Wir haben nichts mehr, nichts für unsere Kinder. Bitte!“

Während Dina Cartas noch darauf wartet, beim Bankautomaten an die Reihe zu kommen,  Hortensia Bustos ihre Tochter fest an sich drückt und Angst um ihren Mann hat, der auf dem Bau arbeitet, Jorge Figueroa einen alten Fernseher repariert und Anita blind vor Verzweiflung durch die Stadt läuft, findet vor der einsturzgefährdeten Kathedrale von Concepción eine Messe statt. In seiner Predigt bittet der Priester durch ein Megafon „den Heiligen Geist darum, dass wir uns in dieser so betrüblichen Stunde wie Gottes Kinder und Brüder behandeln“. Sollte der Heilige Geist die Bitte nicht erhören, sorgt das Militär dafür, dass sich die Leute nicht die Köpfe einschlagen. Die Gegenwart von Soldaten ist in Concepción weit weniger kontrovers, als sie in der Hauptstadt diskutiert wird. Dina Cartas ist nicht die einzige, die sich nicht an die Militärdiktatur erinnert fühlt; sie findet es „supergut, dass die Soldaten gekommen sind. Die hätten sie von Anfang an schicken sollen“. Die größere Gefahr sieht sie, wie so viele in dieser erschütterten Stadt, in ihren Mitbürgern: „Zusätzlich zum eigentlichen Erdbeben mussten wir ja auch ein immenses soziales Erdbeben erdulden, mit den Plünderungen und so. Ich glaube, das hat uns sogar noch härter getroffen“.

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