Pablo





In the interest of full disclosure: Ich habe vor acht Jahren den Zivildienst im Kinderheim María Luisa geleistet. Den folgenden Text habe ich geschrieben, ohne mich um Neutralität zu bemühen:

Als Pablo Salinas am elften November des vergangenen Jahres wie gewohnt früh morgens zur Arbeit im Kinderheim María Luisa in einem Vorort von Buenos Aires namens Villa Ballester ging, wusste er noch nicht, dass es das letzte Mal sein würde. Er ahnte allerdings Böses, denn zwei Tage zuvor war ihm etwas passiert, das er sich nicht erklären konnte: Im Vorbeigehen hatten ihm zwei Mädchen im Heim „alter Perverser“ an den Kopf geworfen. So etwas war ihm noch nie passiert. Seitdem hatte er schlecht geschlafen.

Pablo war seit knapp zehn Jahren im Heim. Er war so etwas wie das Mädchen für alles. Er war der Fahrer, sowohl der Kinder von und zur Schule als auch der Einkäufe und Sachspenden für das Heim. Außerdem war er es, der sich kümmerte, wenn etwas repariert werden musste. Er wohnte unter der Woche in einem winzigen Zimmer in einem Studentenwohnheim keine hundert Meter vom Kinderheim entfernt; für die Kinder war er eine Autoritäts- und Vertrauensperson, er kannte sie beinahe besser als seine eigenen fünf Kinder. Die wohnen mit seiner Frau eine Autostunde entfernt in Morón, einem Vorort der argentinischen Hauptstadt, in dessen kleinen Häusern entlang der staubigen, unbefestigten Straßen Familien der Arbeiterklasse leben. Salinas Frau arbeitet als Friseurin, die ältere Tochter in einem Kiosk. Der älteste Sohn ist vor kurzem mit Frau und neugeborenem Kind zurück ins Elternhaus gezogen. Pablo verdiente im Kinderheim mehr als 3000 Peso (etwa 600 Euro). Das war kein Vermögen, aber zusammen mit den kleinen Einkommen seiner Familie und seiner eigenen zusätzlichen Arbeit am Wochenende als Schreiner konnte er immer seine Familie ernähren. Er war außerdem krankenversichert. Für den Job nahm er es in Kauf, seine Familie nur am Wochenende zu sehen.

Am elften November rief der Direktor des Kinderheims, Pedro Kipp, Pablo in sein Büro. Kipp ist seit 2005 im Kinderheim, zuvor arbeitete er als Lehrer an einer deutschen Schule. Die Vorgabe, dass der Heimleiter Deutsch sprechen muss, hatte den Kreis der Kandidaten für den Posten stark eingegrenzt. Die Anzahl der Argentinier deutscher Abstammung, die noch Deutsch sprechen, sinkt schon seit langem. Aber das Maria Luisen Kinderheim versteht sich als deutsche Einrichtung. Es wurde im 19. Jahrhundert von einer Österreicherin gegründet, seit Jahren betreuen deutsche Freiwillige die Kinder, es besteht eine Kooperation mit der deutschen Schule Instituto Ballester sowie mit dem deutschen Krankenhaus von Buenos Aires. Das Heim lebt hauptsächlich von Geldspenden aus Deutschland und Sachspenden von deutschen Firmen in Argentinien, wie Siemens, BASF oder Lufthansa. Aus den leitenden Positionen dieser Firmen rekrutiert sich zudem ein Großteil des Vorstands des Kinderheims, dessen Mitglieder allesamt Deutsch-Argentinier sind. Der Präsident des Vorstands arbeitet beim großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG, die Vizepräsidentin ist bei der Friedrich-Naumann-Stiftung tätig. Die Kinder, im Alter zwischen vier und achtzehn Jahren, kommen größtenteils aus armen Familien aus den Randgebieten der Hauptstadt, die es sich nicht leisten können, für ihre Kinder zu sorgen.

Es wurde nach seinem Dienstantritt schnell klar, dass Pedro Kipp eine mehr als schlechte Wahl für die Position des Heimleiters war. Er stellte sich als jähzornig und unkommunikativ heraus. Er beschäftigt sich nicht mit den Kindern, schreit sie und das Heimpersonal an. Wegen seines Übergewichts geht er nie die Treppe zu den Schlafzimmern der Kinder hoch. Er fährt meistens schon mittags nach Hause, obwohl es sich bei seinem Job um eine Vollzeitstelle handelt. Wenn sich ein Heimkind nach seinem Empfinden nicht gut genug benimmt, schmeißt Kipp es kurzerhand raus. Oft „überredet“ er die Eltern dazu, ihre Kinder selbst aus dem Heim zu nehmen. Offenbar macht er sich dabei manchmal Details aus dem Privatleben der Familien, die er von den Kindern erfahren hat, zunutze. Wenn die Familien ihre Kinder freiwillig aus dem Heim nehmen, muss sich Kipp nicht dem Heimvorstand gegenüber rechtfertigen. Die Kinder, die oft jahrelang im Heim gelebt haben, bekommen, indem sie ihrem gewohnten Umfeld entrissen werden, einen zusätzlichen psychischen Knacks. Einige nehmen Drogen oder trinken Alkohol. Die Schule brechen sie meist ab, viele bekommen sehr früh Kinder.

Bei Pablo Salinas lief es ähnlich wie mit den Eltern der Heimkinder. Pedro Kipp ließ ihn in sein Büro kommen, dort saßen bereits das Vorstandsmitglied Claudio Matschke und eine Psychologin, die im Heim mit den Kindern arbeitet. Kipp konfrontierte Pablo mit einer schlimmen Anschuldigung: Ein 13jähriges Heimmädchen hatte behauptet, Pablo habe sie verbal sexuell belästigt. Die Angelegenheit sei ernst, eine Anzeige liege vor. Das sei ein großes Problem für das Heim, erklärte Kipp. Pablo, erschrocken und panisch, dachte in dem Moment an die Mädchen, die ihn im Vorbeigehen beschimpft hatten. Es ging ihm durch den Kopf, dass nun alle Kinder denken mussten, er sei ein schlechter Mensch. „Unter diesen Umständen kann ich hier nicht weiter machen“, entfuhr es ihm. Bevor er wusste, wie ihm geschah, gratulierte ihm Kipp zu seiner Entscheidung, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Matschke nahm ihn mit zur Post, wo man ein Formular ausfüllen muss, wenn man einen Job kündigen will. Pablo wurde sich langsam bewusst, um was für eine gewichtige Entscheidung es ging. „Ich kann das nicht ausfüllen“, sagte er. Also machte es Matschke für ihn. Pablo brauchte nur zu unterschreiben. Das tat er auch, und brachte sich damit in unfassbar große Schwierigkeiten. Nach argentinischem Gesetz muss jedem Angestellten, dem gekündigt wird ohne dass ein Vertragsbruch vorliegt, eine Abfindung nach einer Formel ausgezahlt werden, die sich nach der Anzahl der Dienstjahre richtet. Pablo hätte im Falle einer Kündigung seitens des Heims eine Abfindung von etwa 6000 Euro zugestanden. Durch seine eigene Kündigung hat er sich um diese für ihn ungeheuer große Summe Geld gebracht.

Pablo kam 1960 im Norden Argentiniens zur Welt. Seine Eltern, bolivianische Einwanderer, hatten wenig Geld, sein Vater verließ die Familie zudem als Pablo noch sehr klein war. Mit Anfang zwanzig, nach einer früh abgebrochenen Schullaufbahn, geleistetem Militärdienst und einigen Jahren Arbeit als Schreiner, zog es ihn, wie so viele, in das riesige Ballungszentrum um die Hauptstadt. Mit harter Arbeit baute er eine bescheidene aber stabile Existenz auf. Er gründete eine Familie. Einige Jahre lang arbeitete er als Fahrer für die deutsche Botschaft in Buenos Aires, wurde dann dem Kinderheim empfohlen. Fast zehn Jahre arbeitete er dort. Er war ein zuverlässiger Mitarbeiter, der sich nie krank meldete oder zu spät kam. Für die Kinder war er Respektperson und Kumpel zugleich. Auch für die deutschen Zivildienstleistenden und Freiwilligen, die jährlich wechselnd im Kinderheim arbeiten und im Studentenwohnheim leben, in dem auch Pablo unter der Woche wohnte, war er immer eine große Hilfe und ein guter Freund. Oft kochte er für sie nach einem langen Arbeitstag im Heim. Wenn gegrillt wurde, war er immer der Grillmeister.

Kein Mensch im Kinder- wie im Studentenheim glaubt, dass die Anschuldigung der Belästigung gegen Pablo stimmt. Kinder wie ehemalige Kollegen vermissen ihn. Im Kinderheim erzählt man sich, dass das Mädchen die Sache erfunden hat, weil sie nicht mehr im Heim leben wollte. Die Angestellten des Heims trauen sich nicht, sich für Pablo einzusetzen oder andere Probleme im Heim anzusprechen. Sie haben Angst vor Pedro Kipp, der das Heim willkürlich kontrolliert. Wie er wissen sie, dass der Vorstand ihn blind unterstützt und nie Fragen stellt. Keiner aus dem Vorstand besucht jemals das Heim unangekündigt oder gibt den Angestellten die Gelegenheit, sich frei zu äußern, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Die meisten Vorstandsmitglieder lassen sich höchstens bei der einmal im Jahr stattfindenden „Schlachtplatte“ überhaupt im Heim blicken. Sie wissen nichts über den Heimalltag, und es scheint sie auch nicht zu interessieren.

Das Mädchen hat ihr vermeintliches Ziel erreicht, ihre Eltern haben sie aus dem Heim genommen. Der Leidtragende war Pablo. Kipp kam die Gelegenheit, Pablo loszuwerden, gerade recht. Es muss ihm unangenehm gewesen sein, dass Pablo jederzeit unschmeichelhafte Dinge über ihn hätte erzählen können. Mittlerweile hat Pablo keinen Grund mehr, still zu bleiben, nur hört ihm niemand zu wenn er zum Beispiel erzählt, dass Sachspenden und Fleischeinkäufe für das Heim immer zuerst zu Kipp nach Hause gefahren worden und später unvollständig im Heim angekommen seien.

Im Laufe der Jahre hat Pablo ein paar gesundheitliche Probleme bekommen. Unter anderem leidet er unter Durchblutungsstörungen aufgrund eines eingeklemmten Nervs. Da er nicht mehr im Kinderheim arbeitet, hat er keine Krankenversicherung mehr und kann sich die Behandlung nicht mehr leisten. Er muss außerdem noch anderthalb Jahre lang einen Bankkredit zurückzahlen. Dazu ist er nicht mehr in der Lage. Er hat kein Auto, mit dem er seine handgefertigten Möbel zu Kunden fahren könnte, oder das er nutzen könnte, um als Taxifahrer zu arbeiten. Mit seinen bald 50 Jahren und ohne formelle Bildung bekommt er keine andere Arbeit. Zumal das Heim ihm nicht einmal ein Arbeitszeugnis ausgestellt hat.

Alles deutet darauf hin, dass Pablo sich in Wirklichkeit nichts zu schulden hat kommen lassen. Die Polizei weiß jedenfalls nichts von einer Anzeige. Weder Kipp noch der Vorstand hat den Fall jemals genauer untersucht, sie haben nicht einmal das Mädchen befragt.  Ich habe mich an Claudio Matschke gewandt, der nicht nur im Vorstand des Kinderheims sitzt, sondern auch Präsident der Deutschen Wohltätigkeitsgesellschaft (DWG) ist, die die Finanzen des Kinderheims sowie eines deutschen Altersheims in Buenos Aires verwaltet. Ich habe ihm gesagt, dass man diesen langjährigen, zuverlässigen Mitarbeiter, der wahrscheinlich nichts falsch gemacht hat, nicht, mitsamt seiner ganzen Familie, in die bittere Armut abrutschen lassen könne. Seine Reaktion war Schulterzucken. Pablo habe freiwillig gekündigt, damit sei die Sache erledigt. Zahlreiche Anfragen und besorgte E-Mails von ehemaligen Freiwilligen des Kinderheims an ihn und andere Mitglieder des Heimvorstands, die eine Aufklärung des Falles forderten, zerschellten an derselben Wand der Gleichgültigkeit.

So verläuft die Sache wie jede Bemühung im Sande, Verbesserungen im Heim zu erreichen, und alles geht seinen gewohnten Gang. Die Spenden aus Deutschland fließen weiter. Die deutschen Firmen brüsten sich damit, den armen Kindern ein Dach über dem Kopf zu schenken. Pedro Kipp macht, was er will. Pablo, für seinen Teil, verkauft zurzeit als fliegender Händler Kugelschreiber am Bahnhof, um wenigstens ein paar Peso zu verdienen.

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