D10S

„Wer nicht hüpft, der ist Engländer“. Der Sprechchor, der in Argentinien bei jedem Fußballspiel mindestens einmal aus auf und ab wippenden Kehlen durchs Stadion hallt, geht der Menschenschar auf dem Platz der Republik in Buenos Aires besonders schadenfroh über die Lippen. Der Erzfeind, der Argentinien 1982 im Krieg um die Falkland-Inseln eine schlimme Niederlage zufügte, wofür sich Diego Maradona vier Jahre später auf dem Weg zum Weltmeistertitel mit zwei historischen Toren rächte, ist in Südafrika gegen Deutschland mit 4:1 unter die Räder gekommen. Nun hat Argentinien die Möglichkeit, sich für die letzte Niederlage bei einer Fußballweltmeisterschaft zu revanchieren, wenn es am Samstag, wie schon vor vier Jahren, im Viertelfinale gegen die Deutschen geht. Ein harter Brocken, meinen die meisten Anhänger der argentinischen Mannschaft, nun wird aber erst einmal der 3:1 Sieg gegen Mexiko zu tausenden mit Trommeln, Gesängen und Tänzen vor dem Merkmal der Hauptstadt, dem Obelisken, auf der Avenida 9 de Julio, der mit 20 Spuren breitesten Straße der Welt, gefeiert. Mittendrin reckt Iván Rodríguez eine Nachbildung des WM-Pokals gen Himmel.

 

Rodríguez ist mit seinen erst 20 Jahren kein Unbekannter in der Fußballfangemeinde. Sein dunkelblaues Trikot ziert über der rechten Brust die Aufschrift „D10S“, eine Anspielung auf Maradonas Trikotnummer und ein Hinweis auf den Status des ehemaligen Nationalspielers und aktuellen Nationaltrainers für Rodríguez: Dios bedeutet Gott. Vor zwei Jahren lernte Rodríguez in einer Fernsehsendung namens „Club de Fans“ Maradona kennen und versuchte ihm unter Tränen und Schluchzen zu sagen, wie viel er ihm bedeutete. Daraufhin meldeten sich Hernán Amez und Alejandro Verón, Gründer der „Iglesia Maradoniana“, der Maradonianischen Kirche, bei Rodríguez. Sie luden ihn zur maradonianischen Weihnachtsfeier am 30. Oktober, Maradonas Geburtstag, ein. Dort lernte Rodríguez die Grundsätze und Rituale dieser Religion kennen, deren Anhänger die Sache durchaus ernst nehmen. Es gibt eine Bibel (Maradonas Autobiografie), zehn Gebote (Nummer eins: „Der Ball darf nicht befleckt werden“, ein Zitat Maradonas), Gebete wie das „Diego Unser“ und Rituale wie die Taufe, bei der das legendäre Tor nachgestellt wird, das Maradona bei der WM 1986 gegen England mit der Hand erzielte, und das Maradona der „Hand Gottes“ zuschrieb. Wer diesen Treffer nachmacht und sich den zweiten Vornamen Diego zulegt, darf beitreten. Laut Rodríguez gibt es mittlerweile 100.000 Mitglieder weltweit, darunter berühmte Fußballer wie der Brasilianer Ronaldinho und Gary Lineker, Schütze des englischen Tores bei der 2:1 Niederlage 1986 gegen Argentinien.

Zum verabredeten Treffpunkt, eine Pizzeria im Zentrum von Buenos Aires, ist nur etwa ein Dutzend maradonianische Jünger gekommen, um das Spiel der von ihrem D10S trainierten Mannschaft gegen Mexiko zu sehen. Rodríguez schiebt die niedrige Zahl auf die Gemütlichkeit seiner Glaubensbrüder, die bei kaltem Regenwetter lieber zuhause bleiben und das Spiel auf dem Sofa gucken würden. Als Verantwortlicher für Aktivitäten in der Hauptstadt der Kirche, deren Gründer in der Stadt Rosario leben, hat Rodríguez das Treffen organisiert. Auch ohne große maradonianische Fraktion ist der Laden voll von Hellblau-Weiß gekleideten Menschen. Die Maradonianer sitzen in der ersten Reihe, neben die Leinwand hängt Rodríguez eine argentinische Flagge, auf der das Konterfei Maradonas zweimal abgebildet ist, sowie der Spruch „Que la sigan chupando“ steht. Es handelt sich dabei um einen Ausspruch Maradonas bei einer Pressekonferenz nach dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Uruguay, bei dem sich die Argentinier im vergangenen Oktober mit Ach und Krach als fünftplazierte Mannschaft Südamerikas für das Turnier in Südafrika qualifizierten. Nationaltrainer Maradona hatte sich schon lange von den heimischen Medien ungerecht behandelt gefühlt und ließ bei dieser Pressekonferenz, wie so oft, seiner Wut freien Lauf. Der Spruch auf der Fahne von Rodríguez ist eine Aufforderung zur Fellatio von Maradona an die Journalisten.

„Viele finden ihn ordinär“, sagt Rodríguez, „aber ich bin froh, einen Gott zu haben, der direkt und offen ist und sagt, was er denkt“. Mit dem Wort Gott meine er, dass Maradona der Gott des Fußballs und auf dem Platz omnipotent sei. Man wolle sich nicht mit der katholischen Kirche anlegen. Seine Gefühle für Maradona seien unbeschreiblich. „Ich liebe Diego und trete bis zum Tod für ihn ein“, versucht Rodríguez es dann doch.“ Ich verdanke ihm die Geschichte meines Vaters, wie er nach Diegos Toren gegen England weinend durch die Straßen lief, und ich verdanke es ihm, dass man uns Argentinier im Ausland respektiert“.

Den drei argentinischen Toren gegen Mexiko folgt jeweils ein ohrenbetäubendes „Goooool!“ der Fans in der Pizzeria. Rodríguez küsst den WM-Pokal aus Plastik. Dass das erste Tor nicht regelkonform zustande kommt, stört, wie beim Tor der Hand Gottes, niemanden. Gegen Ende des Spiels kommt ein Kamerateam eines Fernsehsenders und filmt Rodríguez, der sich, ganz Medienprofi, locker gibt und einfach weiter auf die Leinwand schaut. Argentinien gewinnt locker, alle sind glücklich und strömen ein paar Blocks weiter zum Obelisken. Langsam richtet sich die Aufmerksamkeit auf den nächsten Gegner. Rodríguez und seine Glaubensbrüder von der Maradonianischen Kirche hoffen, am Samstag nach dem Spiel wieder Anlass zu haben, sich am Obelisken mit dem Rest der Stadt zu einer Feier zu treffen. Sie stimmen sich schon einmal darauf ein und singen „wer nicht hüpft, der ist ein Deutscher“.

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