Matrimonio gay


Argentinien hat als erstes Land Lateinamerikas und zehntes der Welt die Zivilehe zweier Menschen desselben Geschlechts gesetzlich erlaubt. Nachdem das Unterhaus des Parlaments, die Abgeordnetenkammer, ein entsprechendes Gesetz bereits am 5. Mai verabschiedet hatte, stimmte heute Morgen auch im Senat eine knappe Mehrheit für die Legalisierung der homosexuellen Ehe.

Nach knapp 15 Stunden und 47 Wortmeldungen, in denen unter anderen Tolstoi, Oscar Wilde, Shakespeare, Friedrich Engels und Immanuel Kant zitiert worden waren, endete die Debatte um vier Uhr morgens mit einem leidenschaftlichen Schlusswort des Fraktionschefs der Regierungspartei Frente para la Victoria (Front für den Sieg), Miguel Pichetto. Er bezeichnete die Haltung der katholischen Kirche als „wenig intelligent“ und lieferte sich ein Schreiduell mit der weinenden oppositionellen Senatorin Liliana Negre de Alonso, deren „Einspruch aus Gewissensgründen“ gegen die gleichgeschlechtliche Ehe er mit dem Nationalsozialismus verglich. Als sich die Gemüter einigermaßen beruhigt hatten, folgte die Abstimmung. 33 Senatoren stimmten für das Gesetz, 27 dagegen.

Vor dem Kongressgebäude fielen sich mehrere hundert Menschen in die Arme, die bei Temperaturen um drei Grad stundenlang ausgeharrt hatten. Die Präsidentin des Argentinischen Verbands der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen FALGBT, María Rachid, leitete den Sprechchor „¡Si se puede!“ ein, die spanische Version des Obama-Slogans „Yes, we can!“ Ein junger Mann, dem das Erstaunen ins Gesicht geschrieben stand, sagte, „Zum ersten Mal habe ich dieselben Rechte wie alle anderen“.

Am Dienstagabend hatten an gleicher Stelle mehr als 50.000 Menschen ihre Ablehnung der Gesetzesänderung zum Ausdruck gebracht. Die sowohl von der katholischen als auch der evangelischen Kirche organisierte Demonstration stand unter dem Motto „Die Kinder haben ein Recht auf eine Mama und einen Papa“. Die Schüler der katholischen Schulen der Hauptstadt hatten frei bekommen, um an der Kundgebung teilzunehmen. „Liebe Senatoren, bitte zerstört nicht die Sozialordnung Argentiniens“ hieß es aus Lautsprechern auf der für die Demonstration aufgebauten Bühne, während auf einer großen Leinwand mit dramatischer Musik unterlegte patriotische Symbole gezeigt wurden. In einer zu begeistertem Beifall von einer Moderatorin vorgelesenen Botschaft sagte Kardinal Jorge Bergoglio, der Erzbischof von Buenos Aires, „Wir wollen über niemanden urteilen, der anders denkt oder anders fühlt, aber man kann nicht gleichsetzen was verschieden ist. Die Verabschiedung des Gesetzes würde einen schlimmen anthropologischen Rückschritt bedeuten“.

In ihren Argumenten gegen das Gesetz griffen einige Senatoren diese Worte auf und erklärten, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften zum Schutz der Institution Familie nicht als Ehe bezeichnet werden dürften. Viele gaben an, eine „Zivilunion“ zu unterstützen, wie es sie bereits in einigen Provinzen gibt. Diese beinhaltet im Gegensatz zur Ehe unter anderem nicht das Recht auf Adoption und das Recht der Partner, von einander zu erben. Die Zivilunion stand in der Senatssitzung nicht zur Debatte.

Cristina Kirchner, die Präsidentin Argentiniens, und ihr Ehemann und Amtsvorgänger Néstor Kirchner unterstützten die Gesetzesänderung. Die Präsidentin erklärte während eines Staatsbesuchs in China, die Worte des Kardinals Bergoglio, der den Einfluss des Teufels in der Gesetzesinitiative ausgemacht haben wollte, erinnerten sie an die Kreuzzüge. Die Kirchners hatten sich jedoch nicht für das Gesetzesprojekt eingesetzt solange ihre Partei Frente para la Victoria (Front für den Sieg) noch über eine absolute Mehrheit im Parlament verfügte, die sie im vergangenen März einbüßte. Deshalb vermutete unter anderen der Senator Luis Juez politisches Kalkül hinter deren plötzlichem Interesse am Thema. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass Néstor Kirchner im nächsten Jahr erneut für die Präsidentschaft kandidieren wird. Er wird dann die Stimmen der weltoffenen Bürger der Metropole Buenos Aires gut gebrauchen können.

Der Stein der Legalisierung wurde im vergangenen November ins Rollen gebracht, als eine Richterin an einem Verwaltungsgericht von Buenos Aires der Verfassungsbeschwerde von José María Di Bello und Alex Freyre stattgab. Das Standesamt hatte ihnen die Trauung verweigert. Ihre erfolgreiche Klage basierte auf der von der Verfassung garantierten Gleichheit aller Bürger. Es folgte ein juristischer Machtkampf, dank eines Dekretes der Gouverneurin der Provinz Tierra del Fuego, Fabiana Ríos, konnten Freyre und Di Bello schließlich als erstes gleichgeschlechtliches Paar Lateinamerikas am 28. Dezember heiraten. Mehr als hundert weitere homosexuelle Paare zogen daraufhin ebenfalls vor die Gerichte, acht von ihnen haben mittlerweile geheiratet.

„Wir entscheiden hier nicht darüber, ob Homosexuelle heiraten können, denn sie tun es bereits“, argumentierte daher der Senator Oscar Castillo. „Wir entscheiden, wie sie es tun: ob sie einen Hochzeitstermin festlegen und ihre Freunde einladen können, oder ob sie den Ausgang einer Verfassungsbeschwerde abwarten müssen“. Es dürften in naher Zukunft eine Menge Hochzeitsfeiern in Argentinien stattfinden.

„Wir fühlen uns wie der Krake Paul, denn wir haben diesen Moment vorhergesehen“, sagte ein jubelnder Alex Freyre wenige Minuten nach der Abstimmung. „Morgen fliegen wir endlich in die Flitterwochen“.

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