Los Pantalones


Beim jüngsten Besuch ihrer zweiten Heimat haben die Toten Hosen weiter an ihrem Denkmal gebaut. Die mit Abstand beliebteste deutsche Band in Argentinien waren sie schon, nach einem Gratiskonzert auf einem Balkon in Buenos Aires wird nun in einer Facebook-Gruppe an einem nationalen DTH-Feiertag inklusive jährlich stattfindenden „Hosen-Fest“ gearbeitet.

Die bisher noch inoffiziellen Festspiele beginnen diesmal mit einem Konzert in der Stadt Rosario. Es ist der erste von fünf Auftritten der deutschen Gruppe innerhalb von acht Tagen bei ihrem zehnten Besuch des südamerikanischen Landes. Die Brüder Martin und Christian Throm, Söhne einer Mutter aus Aachen und eines deutsch-argentinischen Vaters, und ihre drei nichtdeutschsprachigen Kollegen der Hosen-Coverband Opelgang werden bei allen fünf Auftritten im Publikum sein. Aus sicherer Quelle wissen sie, dass „los Hosen“ erst um zehn vor elf in Rosario auf die Bühne gehen. Sie verzichten auf die beiden Vorgruppen und trinken lieber noch ein Bier. Um Viertel nach zehn spazieren sie Richtung Paraná-Fluss, zum Klub „Galpón (Schuppen) 11“. Dabei singen sie das Lied „Blitzkrieg Bop“ der Ramones: „Hey ho! Let’s go!“ Es wird vor jedem Auftritt der Hosen angespielt, einen Moment bevor die Düsseldorfer ihre Show beginnen. Die unglückliche Verknüpfung des Begriffs „Blitzkrieg“ mit einer deutschen Band scheint niemandem aufzufallen.

Der Klub in einem ehemaligen Lagerhaus etwa 300 Kilometer nordöstlich von Buenos Aires ist mit ungefähr 500 Leuten voll, aber nicht ganz gefüllt. T-Shirts der frühen Punkbands wie die Ramones, The Clash und die Sex Pistols überwiegen. Nietengürtel sind nicht selten, auch eine handvoll Irokesen läuft herum. Etwa ein dutzend „Ultras“ aus Deutschland ist außerdem dabei. Sie sind hier, weil man als Hosen-Fan, analog zur islamischen Pilgerreise nach Mekka, die Band einmal in Argentinien erlebt haben muss. Die Opelgang hat kleine Flaschen Fernet Branca eingeschmuggelt und mischt das Digestivum, wie in Argentinien üblich, mit Cola. Alkohol gibt es drinnen nicht zu kaufen. Als die Hosen auf die Bühne kommen, haben ihre argentinischen Doppelgänger längst ausgetrunken und sich ganz vorne im Publikum positioniert.

„Wir sind froh, zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder hier in Rosario zu spielen“, verkündet Gitarrist Breiti, der als einziges Bandmitglied Spanisch spricht. Sänger Campino entschuldigt sich dafür, dass er die Lokalsprache immer noch nicht einmal in Ansätzen beherrscht. Er will sagen, dass es ihm peinlich sei, aber das Wort „embarasamente“, das er in Anlehnung an das englische „embarrassed“ erfindet, kommt im Spanischen am ehesten dem Begriff „embarazada“ (schwanger) nahe. Man verzeiht es ihm. Als die Menge wie eine Fußball-Fankurve „Olé … olé olé olé … Toten … Hosen“ skandiert, hält Campino einen Moment inne und grinst. Wieder auf argentinisch gefeiert zu werden, darauf hatte er sich gefreut. Der Schub positiver Energie kommt gerade richtig. Uwe Faust, der die Band von Anfang an in verschiedenen Funktionen überallhin begleitete, ist vor zwei Tagen nach einer längeren Krankheit gestorben. Campino wird ihm im Laufe der Tour mit den Worten „Ich kann mir dieses Land ohne ihn nicht vorstellen“ bei jedem Auftritt mindestens ein Lied widmen. Heute spielen sie „Cocaine in the Brain“ für Faust. Christian Throm von der Opelgang meint, das sei eine Anspielung darauf, dass „Dr. Faust“ früher auf Tour immer den Kopf hinhalten musste, wenn die Band mit Drogen erwischt wurde. Er habe so manch eine Nacht im Gefängnis verbracht, damit die Hosen weiterfahren konnten.

Nach der Show gehen die Opelgang und ihre Entourage noch ein Bier trinken, aber sie sind so müde, dass sie es kaum noch austrinken. Kurz bevor alle zum Schlafen zurück in die  Jugendherberge gehen, verabschiedet sich Sänger Martin Throm mit der Erklärung, er wolle noch etwas von Rosario sehen. Die Anderen entdecken ihn aber wenige Minuten später, er steht vor dem Hotel der Hosen und unterhält sich mit Roadie „Fratze“. Die Nähe der Helden war zu groß, als dass er sich ihrem Bann hätte entziehen können. Aber um drei Uhr morgens war keiner der fünf beinahe fünfzigjährigen ehemaligen Saufpunks mehr auf.

Am folgenden Tag steht in Buenos Aires der nächste Höhepunkt der Hosen-Festspiele auf dem Programm: das Pepsi Music Festival, das größte seiner Art in Argentinien. Es spielen vor 25.000 Zuschauern, die für den Eintritt einen für hiesige Verhältnisse äußerst stolzen Preis bezahlt haben, unter anderen auch die wiedervereinigten Faith No More.

Vor vier Jahren traten die Toten Hosen zuletzt auf dem Pepsi Music Festival auf. Damals brach Campino nach der ersten Strophe des Lieds „All die ganzen Jahre“ plötzlich ab und holte mit dem Hinweis, da sei einer, der die ganze Zeit mitsinge, einen Anfangzwanzigjährigen  mit freiem Oberkörper und langen blonden Haaren aus dem Publikum auf die Bühne. Der sollte den Rest des Liedes singen und erledigte diese Aufgabe erstaunlich überzeugend. Es handelte sich bei dem vermeintlich spontan aus dem Publikum ausgesuchten Fan um Martin Throm, den Sänger der Opelgang.

„Leider muss ich zugeben, dass das abgesprochen war“, erzählt Martins Bruder Christian. „Sie hatten ihm gesagt, dass er auf der rechten Seite der Bühne stehen soll“. Das war am vorherigen Tag geschehen, beim Hosen-Konzert in Córdoba. Dort hatte Campino den Sänger der Band, die bis vor kurzem ausschließlich Lieder der deutschen Vorbilder spielte, im Publikum erkannt und auf die Bühne geholt. Man kannte sich von einem Auftritt der Opelgang zwei Jahre zuvor, als die Toten Hosen überraschend auftauchten und fünf Lieder mitspielten: „Einer der besten, wenn nicht der beste Abend, unserer Leben“, schwärmt Christian Throm.

Die deutsch-argentinischen Brüder haben die Musik der Toten Hosen zum ersten Mal gehört, als ein Freund eine CD aus Deutschland mitbrachte. Aber es war das erste Live-Erlebnis, das sie süchtig machte. „Die Band haben wir gegründet, um nicht immer so lange auf das nächste Hosen-Konzert warten zu müssen“, sagt Christian. Ihre Bandkollegen und Freunde hingegen haben mit Deutschland und der deutschen Sprache nichts am Hut. Alberto, genannt „Beto“, der alle ins seinem Auto von Rosario nach Buenos Aires zurück fährt, hat Christian an der Uni kennen gelernt. Er trug im Hörsaal ein T-Shirt der Toten Hosen, dadurch kamen sie ins Gespräch. Betos Leidenschaft für „los Hosen“ hat ein Geburtsdatum: den 16. März 1996. Es war das letzte von 26 Konzerten der in Argentinien vergötterten Ramones. Vorgruppe der New Yorker Punkpioniere im Fußballstadion „El Monumental“ waren die hierzulande noch nicht sonderlich bekannten Toten Hosen, vier Jahre nach ihrem ersten Auftritt am Silberstrom. Mit ihren an Fußballsprechchöre erinnernden Refrains und ihrer leidenschaftlichen Show haben sie nicht nur Beto an diesem Abend davon überzeugt, dass sie die legitimen Nachfolger der sich verabschiedenden Idole sein könnten. Zusätzliche Bonuspunkte sammeln die Hosen seit dem Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft 2001 immer wieder, wenn sie ihre zweite Heimat besuchen und faire Eintrittspreise verlangen, obwohl das einen finanziellen Verlust bedeutet. Man rechnet ihnen hoch an, dass sie sich viel Mühe geben, ihren Fans etwas Besonderes zu bieten.

Diesmal haben sie es damit noch ein bisschen weiter getrieben als bisher. Eine „Magical Mystery Show“ war angekündigt, erst wenige Stunden vor Beginn werden Ort und Uhrzeit bekannt gegeben, aber es kommen ein paar tausend Menschen in die schmale Straße Rodríguez Peña mitten in der Hauptstadt, drängen sich, klettern Schaufenstergitter und Bäume hinauf, tanzen Pogo und singen jeden Refrain mit. Manche tragen Säuglinge auf den Schultern. Die Toten Hosen stehen auf dem Balkon eines Tattoo-Studios im ersten Stock und geben fast anderthalb Stunden lang an einem Mittwochabend um halb neun ihr Repertoire zum Besten, von „Liebesspieler“ bis „You’ll Never Walk Alone“. Hinterher bleibt ein großer Teil der Menge in einem kleinen Park um die Ecke fast ungläubig stehen, trinkt und redet darüber, was sie gerade erlebt haben. So macht es auch der 26jährige „Fino“, der eigentlich Adrián heißt. Er ist ein Fan des Punkrocks älteren Schlages, daher seien die Hosen ganz nach seinem Geschmack. Den Eintritt für das Pepsi Music Festival habe er sich allerdings nicht leisten können. Umso dankbarer sei er den Hosen für das Gratiskonzert, das sie soeben gegeben haben.  Ob es ihn nicht störe, die Texte nicht zu verstehen, schließlich seien die beim Punkrock doch besonders wichtig? „Mir ist das Auftreten wichtig“, meint Fino. „Das, was die hier gemacht haben, auf einem Balkon zu spielen, hat keine hiesige Punkband jemals gemacht. Für mich ist das wie die Beatles auf dem Dach“. Zudem, fügt er hinzu, habe sich Campino vom Balkon ins Publikum gestürzt. Auf dieses Ritual hat der Sänger trotz der Höhe nicht verzichtet. „Mehr Punk“, so Fino, „geht nicht“.

Argentinische Gmüatlichkeit


Benito Bichler steht vor der Pension Alpino, die ihm gehört, und blickt weit zurück. „Früher machten wir hier am 12. Oktober zum Kolumbus-Tag ein paar Fässer auf“, erzählt er, während aus einem Lautsprecher in der Straße wenige Meter entfernt das Lied „Oans, zwoa gsuffa“ tönt. „In den Nachbardörfern war nichts los, also sagten sie sich, ‚gehen wir zu den Deutschen, Bier trinken‘“. Was Bichler beschreibt, ist der Ursprung einer Veranstaltung, die dieser Tage zum 46. Mal im deutschen Dorf in der Mitte Argentiniens, Villa General Belgrano, stattfindet. „Nach einer Weile sagten wir, ‚nennen wir das Kind doch beim Namen‘ und haben es ‚Fiesta de la Cerveza (Bierfest)‘ getauft“. Heute sagt man dazu auch „Oktoberfest Argentina“. Die Besucher kommen längst nicht mehr nur aus den Nachbardörfern, sondern zwischen dem 2. und dem 12. Oktober zu zehn- bis hunderttausenden von überall her.


Es sind die wohlhabenden Argentinier, sowie europäische und amerikanische Touristen, die sich die Urlaubsreise in den idyllischen 6000-Einwohner Ort mit seinen holzverkleideten kleinen Häusern leisten können. Dazu gehören der Aufenthalt etwa im Hotel Edelweiss oder in einem der Lorelei Bungalows, vier Euro Eintritt pro Tag fürs Festgelände, ein Bierkrug für mindestens fünf Euro, ohne den man das Bier zu knapp drei Euro pro halbem Liter nicht bekommt, und Würstchen im Brot für vier Euro. Wer mit der ganzen Familie anreist, kann gut und gerne an einem Wochenende das durchschnittliche Monatseinkommen einer argentinischen Familie auf den Kopf hauen. Hinzu kommen die Souvenirs, die es überall zu kaufen gibt. Fast jeder gönnt sich wenigstens eine grüne Filzmütze oder ein T-Shirt. Darauf steht z.B. „Bier zum Frühstück – Villa General Belgrano“ oder auch „Deutsche Luftwaffe“. Letzteres Motiv, ergänzt durch ein Eisernes Kreuz, gehört zum Repertoire eines kleinen Geschäfts in der Hauptstraße, das nach einem 1941 im Atlantik versenkten deutschen Kriegsschiff „Bismarck“ heißt. Die Spezialität des Ladens sind allerdings die „Admiral Graf Spee“ T-Shirts.


Das Panzerschiff Admiral Graf Spee wurde 1939 von britischen Schiffen im Río de la Plata vor Uruguay beschädigt. Das kleine Nachbarland Argentiniens gewährte den Deutschen nur 72 Stunden lang Zuflucht – nicht genug, um das Schiff zu reparieren. Gezwungen, wieder in See zu stechen, wo feindliche Schiffe warteten, missachtete Kapitän Hans Wilhelm Langsdorff den Kampfbefehl aus der Heimat und sprengte die Graf Spee in die Luft. Die etwa 1100 Mann starke Besatzung schlüpfte in Buenos Aires unter, wo der Kapitän Selbstmord beging. Von dort aus ging es für die restlichen Matrosen in verschiedene Teile Argentiniens weiter, 140 von ihnen ließen sich im 750 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Ort Villa General Belgrano in der Provinz Córdoba nieder, der damals noch El Sauce (Die Weide) hieß. Die Gegend hatte mit ihren Bergen, Wäldern und Seen bereits zuvor deutsche Einwanderer angelockt; die Männer der Graf Spee hatten es nicht schwer, sich einzuleben. „Das Dorf ist deutschsprachig aufgewachsen“, erzählt Benito Bichler. „Die Hiesigen waren in der Minderheit und mussten Deutsch lernen.“ Einen Zwischenfall mit Folgen gab es aber doch. Drei der Matrosen sollen eine argentinische Flagge verbrannt haben. Daraufhin zwang die argentinische Regierung dem Dorf den Namen des Unabhängigkeitshelden Manuel Belgrano auf, der die Nationalflagge entworfen hatte. Das sei eine lange Geschichte, so Bichler, ungewöhnlich wortkarg. „Man weiß genau, wer das war, mit der Flagge“. Mehr will er dazu nicht sagen.

Als kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs Argentinien als letztes Land Deutschland den Krieg erklärte, war es vorbei mit der Amnestie, die Männer von der Graf Spee mussten zurück nach Deutschland. Die meisten wollten aber nicht weg, einige hatten in der neuen Heimat schon Familien gegründet. Außerdem war das Leben hier angenehmer als in den Trümmern Deutschlands. Als Benito Bichler als Kind mit seinen aus Bayern stammenden Eltern Anfang der 1950er Jahre aus Buenos Aires ins Dorf kam, waren fast alle der Matrosen schon wieder da. „Viele sagen, das waren alles Nazis, aber das ist Mist. Das waren doch junge Burschen, Arbeiter wie wir“, erinnert er sich in einem Deutsch, das mal bayrisch, mal Spanisch klingt.

Von den Seemännern der Graf Spee lebt nur noch einer. Der ist gerade nach Deutschland gereist, um dort seinen 90. Geburtstag zu feiern. Das Dorf hat sich mit der Zeit verändert, ebenso das Oktoberfest, das Benito Bichler mitgegründet hat. Heute geht er nicht einmal mehr hin. Es sei ihm zu kommerziell geworden, sagt er, „es ist nicht mehr so…“, er sucht das richtige Wort, „… gemütlich! Nicht mehr so gemütlich wie früher“.


Mit dem Kommerz meint er beispielsweise die Stände der großen und kleineren Bierbrauereien auf dem waldähnlichen Festgelände, die helles, dunkles und rotes Bier anbieten, aber kein Weißbier. Auch Weißwürste fehlen, dafür gibt es Knackwurst mit Sauerkraut. Die Verkäuferin am Stand „Los Cerezos“ spricht Knackwurst „Snack“ aus. Ihr Sohn besucht die deutsche Schule des Ortes und geht demnächst zum Schüleraustausch nach Oldenburg. Er wird wohl etwas ganz Falsches verstehen, wenn ihm dort jemand „Ick snack Platt“ sagen sollte.


Dazu, dass immer mehr Besucher kommen und das Fest ein kommerzieller Erfolg wird, soll auch das gute Dutzend Gruppen aus verschiedenen Teilen des Landes beitragen, die Folklore-Tänze aus aller Welt zum Besten geben. Es gibt eine „Kosaken-Truppe“ aus Misiones im Nordosten Argentiniens, die ukrainische Tänze aufführt, eine irische Gruppe aus Buenos Aires und sogar eine palästinensische Tanzkompanie aus der Industriestadt Rosario. Ein weiterer Programmpunkt auf der großen Bühne im „Bierpark“ ist die Wahl zur Bierkönigin. Dieser Wettbewerb ist allerdings nicht neu, sondern findet fast so lange jährlich statt wie das Fest selbst. Elf Kandidatinnen zeigen sich in Trachtenkleidern und in Badeanzügen. Tausende Menschen sitzen auf Plastikstühlen und schauen zu, während gleich drei Moderatoren die Schönheiten mit Angabe der Körpermaße und anderer wichtiger Details vorstellen und nach ihren Träumen im Leben fragen. Dazu spielt das Zillertal Orchester, bestehend aus weißhaarigen Männern in Schweizer Tracht. Als Gewinnerin wird schließlich Carolina Sguazzini aus Godoy Cruz in der westlichen Provinz Mendoza gekürt. Die Jury, bestehend aus lokalen Prominenten, macht mit dieser Entscheidung ein halbes Dutzend junger Männer im Publikum glücklich, die mit Sprechchören die „Nummer sechs“ angefeuert hatten. Die Anfangzwanzigjährigen tragen alle schwarze T-Shirts, auf denen „Oktoberfest 2009“  und ihr jeweiliger Name stehen, und darüber wie Schärpen schwarz-rot-goldene Bänder, an denen sie ihre Krüge befestigt haben. Die hatten sie sich vor wenigen Stunden beim Anzapfen füllen lassen, als zwar auf Deutsch die zehn Schläge gezählt wurden, es dann aber nicht „o’zapft ist!“, sondern „espichado! (gestochen!)“ hieß.


Nach dem Schönheitswettbewerb ist das offizielle Programm für den Tag beendet. Die Besucher ziehen weiter in die Restaurants des Ortes wie das „Ciervo Rojo“ (Roter Hirsch), um weiter Bier zu trinken. Auch Alejandro Hitzler geht noch nicht zurück ins Hotel. Der 30jährige ist Mitglied der Tanzgruppe „Junge Freunde Deutschlands“ aus der nordostargentinischen Provinz Santa Fe. Sein Vater hat die Gruppe mitgegründet, zu der auch die Nachfahren weiterer Matrosen der Admiral Graf Spee gehören. Man trifft sich regelmäßig, übt deutsche Volkstänze, hört deutsche Musik und isst deutsches Essen. Auf dem Oktoberfest führen sie innerhalb von drei Tagen dreimal deutsch-österreichische Tänze auf. Alejandro Hitzler, mit seinem deutschen Namen („Hitler mit einem Z in der Mitte“, scherzt er), seinen blonden Haaren, seiner Lederhose und seinen Wadenwärmern, spricht wenig Deutsch, kann den Namen seines Vereins kaum aussprechen. Seine Großeltern kamen aus dem bayrischen Rosenheim nach Argentinien, er selbst war nie dort. Er würde aber gerne Deutschland kennen lernen, „weil es ein Erste-Welt Land ist und das Leben dort ganz anders ist als hier“, sagt Hitzler, der während der letzten Militärdiktatur geboren wurde und deshalb nicht auf den ausländischen Namen Alexander getauft werden durfte, den seine Eltern bevorzugten. „Außerdem“, fügt er hinzu, „bin ich Fan von Michael Schumacher“. Leider sei es aber im Moment finanziell unmöglich, nach Deutschland zu reisen. So lebt Hitzlers Deutschlandbild weiter von den Erinnerungen seiner Großeltern. Für ihn, wie für viele Deutsch-Argentinier der jüngeren Generationen, besteht das Land seiner Vorfahren vor allem aus Lederhosen, Schuhplattler und Bier. Und aus Geschichten von Seeschlachten.

Nice try, but no cigar


http://www.vat19.com/blog/2008/07/slurp_on_an_empty_soda_and_ye_1.html

Da sich die Regierung mit vernünftigen Maßnahmen gegen die Schweine… ähem… Grippe A noch zurückhält und das Wochenende abwarten will, während der neue Gesundheitsminister Juan Manzur die Anzahl der Erkrankten im Lande auf 100.000 schätzt, springen andere in die Bresche: Der argentinische Verband der Filmvorführer gab bekannt, dass nur noch Eintrittskarten für jeden zweiten Platz in den Kinosälen verkauft werden, so dass keine zwei Zuschauer nebeneinander sitzen.

Hoffentlich muss niemand husten. Zum Beispiel weil er sich am Popcorn verschluckt. Oder weil er eine Grippe hat.

Emergencia


Gustavo Ortiz / clarin.com

Sowohl in der Provinz Buenos Aires, als auch in der gleichnamigen, unabhängigen Hauptstadt Argentiniens, ist heute der „gesundheitliche Notstand“ erklärt worden. Zugleich wurden in den meisten Provinzen die Schulen geschlossen. In der Hauptstadt fangen die Winterferien bereits am kommenden Montag an, zwei Wochen früher als geplant. Die Maßnahmen haben den hier gripe A gennantenVirus formerly known as Schweinegrippe zur Ursache. Es hat mehr als 30 Todesfälle gegeben, 29 davon in Buenos Aires, aber leider keine effektiven Gegenmaßnahmen. Viele meinen, die Regierung hätte die jüngsten Schritte verzögert, um die Parlamentswahlen am vergangenen Wochenende nicht zur ihrer Ungunst zu beeinflussen. Zynismus gegenüber Politikern gehört zur argentinischen Mentalität, aber der Rücktritt der Gesundheitsministerin Ocaña einen Tag nach der Wahl und die Nachricht, dass sie wegen des Virus die Abstimmung hatte verschieben wollen, scheinen die Theorie zu stützen.

Verblüffenderweise hat der Notstand überhaupt keine Folgen. Keine Massenveranstaltungen werden abgesagt, nichts. Bürgermeister Macri hat nur gesagt, dass alle Leute mit Symptomen zuhause bleiben sollen.

Ob die Rituale des gemeinsamen Mate-Trinkens und des Küssens zur Begrüßung mit der Verbreitung der Grippe zu tun haben?

Oben: Viele Argentinier laufen nun mit Mundschutz herum, wie die erkälteten Japaner.

Diego geht zu weit

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Eigentlich kann es sich Diego Maradona bei seinen Landsleuten gar nicht verscherzen. So großmäulig er auch ist, so selbstdestruktiv er sich verhält, so gefühlskalt er seinem italienischen Sohn erst die Anerkennung und dann seine Liebe verweigerte… die Liebe der Argentinier war Maradona immer gewiss. Als bester Fußballer aller Zeiten, der sein Land 1986 zum WM-Titel führte und auf dem Weg dorthin die Engländer – die vier Jahre zuvor im Falkland-Krieg Argentinien gedemütigt und traumatisiert hatten – mithilfe der Hand Gottes sowie mit dem Tor des Jahrhunderts im Alleingang ausschaltete; als Underdog-Archetypus, weil aus einfachsten Verhältnissen stammend und zudem mit einem für einen Sportler eher unvorteilhaften Körper ausgestattet; als charismatisch emotionaler Mensch, der sich mit seinem Lebensstil oft selbst im Weg steht, und damit nur noch mehr Sympathien einheimst, ist Maradona ein Nationalheld. Er gehört zur argentinischen Volksseele wie sonst nur Tango, Rindfleisch und Mate-Tee. In einem Land voller Diegos weiß jeder, dass Maradona gemeint ist, wenn von Diego gesprochen wird. Er müsste also mehr Kredit bei den Argentiniern genießen als er in zehn Leben aufbrauchen könnte. Sollte man meinen, aber Diego scheint es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese These auf die Probe zu stellen.

Wie sein Freund Hugo Chávez bewundert Maradona den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad für dessen „Mut“, den USA und derem Teufelspräsidenten Bush die Stirn zu bieten. Nun hat er Ahmadinedschad Fanpost geschickt, in Form eines Trikots der argentinischen Nationalmannschaft, mit der Zehn auf dem Rücken, auf ewig Diegos Nummer. Am vergangenen Heiligabend hatte er sich schon nach einem Benefiz-Fußballspiel in Buenos Aires in der Umkleidekabine mit dem iranischen Handelsattaché getroffen (sicher eine sehr amüsante Szene), den Wunsch geäußert, den Präsidenten kennen zu lernen, und dem Diplomaten ein Trikot mitgegeben. Das war allerdings für das iranische Volk, dem Maradona gegenüber der argentinischen Tageszeitung Clarín von tiefstem Herzen seine Solidarität zusprach. Nun hat Ahmadinedschad ein Trikot ganz für sich allein bekommen.

Ganz und gar nicht witzig findet das Ganze die jüdische Gemeinde Argentiniens, die bei weitem größte Lateinamerikas. Nicht nur weil, nun ja, Ahmadinedschad gewisse Bemerkungen über Israel und die Weltkarte gemacht hat. Am 18. Juli 1994 wurde in Buenos Aires das jüdische Gemeindezentrum AMIA in die Luft gejagt. 85 Menschen kamen ums Leben. Obwohl die Tat bis heute nicht aufgeklärt worden ist, macht man in Argentinien iranische Agenten dafür verantwortlich. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten sind, sagen wir, nicht gut. Ich kann aus Erfahrung berichten, dass man es als Iraner extrem schwer hat, ein Visum für Argentinien zu bekommen.

Diego begibt sich auf Glatteis. Auch als Volksheld kann man sich nicht alles erlauben. Sergio Burstein von der Vereinigung der Angehörigen der AMIA-Attentatsopfer drückt es folgendermaßen aus: „Das Trikot gehört dem Volk und befindet sich jetzt in den Händen von einem, der den argentinischen Staat bedroht“.