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Eckball

Hauptstädtische Eigenarten

Ich habe den Eindruck, dass die Bewohner der Groß- und Hauptstädte dieser Welt, bei allen Unterschieden, eines gemein haben: eine gewisse Selbstherrlichkeit, einhergehend mit einer Überheblichkeit gegenüber Menschen, die nicht aus ihrer Stadt kommen. Das manifestiert sich auf unterschiedliche, mehr oder weniger charmante Weise. In Teheran wird Menschen aus anderen Teilen des Irans gerne das Wort „Bauer“ an den Kopf geschmissen; die New Yorker machen keinen Hehl daraus, dass sie ihre Stadt für den einzigen erträglichen Ort auf der Welt halten; die Porteños aus Buenos Aires stellen ihre Weltgewandtheit mit einer kultiviert vulgären Ausdrucksweise zur Schau; einem echten Wiener ist es die Mühe nicht wert, einen Fremden mit einem freundlichen Wort oder gar einem Lächeln zu beehren.

Der Berliner ist da etwas hinterhältiger. Die meiste Zeit gibt er sich offen, freundlich und höflich. Bis sich ein Nicht-Berliner zu sicher fühlt und ihm ausliefert. Wenn man zum Beispiel in Berlin einen Busfahrer fragt, ob er an einer bestimmten Kreuzung halte, verzieht er unter Umständen keine Miene dabei, einen auf die andere Straßenseite zu schicken. In den Bus, der in die falsche Richtung fährt. Ähnlich verhält sich der Mensch, der in den S-Bahn Stationen von einem kleinen Pult aus per Lautsprecher zur Vorsicht vor den schließenden Türen mahnt. Er bittet den nach der Route der gerade eingefahren S-Bahn Fragenden um einen Moment Geduld, und drückt auf einen Knopf, woraufhin sich die Türen der betreffenden S-Bahn schließen.

Vielleicht ist es auch einfach sehr langweilig, bei den Berliner Verkehrsbetrieben zu arbeiten.

Die schönsten Bahnstrecken Europas

Bild von imageo.ch

Aufbrüche in einen neuen Lebensabschnitt haben immer etwas Abenteuerliches. Besonders wenn man den Nachtzug in Wien verpasst und unbedingt am nächsten Tag in Berlin sein muss. Und wenn man die Hälfte all dessen, was man besitzt, mit sich herumschleppt. Und wenn die Hälfte all dessen, was man besitzt, mindestens 579 Kilo zu wiegen scheint. Und wenn der urbildliche Wiener am Informationsschalter einfach keine Lust hat, einem zu helfen. Zug nach Berlin? „Gibt’s net!“ Über Umwege? „Gibt’s net!“

Gab es dann doch. Entweder über München oder, für die Hälfte des Preises und um drei Stunden schneller, über Dresden. Ich hätte etwas ahnen sollen. Besonders als die junge Frau am Ticketschalter, nachdem sie mir die Fahrkarte verkauft hatte ohne mir einen Fahrplan auszudrucken, sofort den Schalter schloss.

Aber hätte ich wirklich ahnen können, dass nur der Schlafwagenteil des Zuges nach Dresden fahren würden, und der Rest nach Warschau? Dass die polnischen (oder doch tschechischen?) Schaffner kein Erbarmen haben würden für einen, schon von der Fahrt vom West- zum Südbahnhof in Strömen schwitzenden, völlig überladenen Reisenden ohne Schlafabteil-Reservierung? Dass ich in der tschechischen Stadt Břeclav umsteigen müsste? Dass der Zug von Břeclav nach Dresden in Prag zu lange halten und ich den Anschlusszug von Dresden nach Berlin verpassen würde? Und schließlich: dass es am Berliner Hauptbahnhof keine Schließfächer gibt, so dass mir auch eine S-Bahn Fahrt mit dem ganzen Gepäck nicht erspart bleiben würde? Nun gut, letzteres hätte ich mir vielleicht schon denken können.

Jedenfalls schwingt bei Ankünften in einem neuen Lebensabschnitt immer etwas Melancholie darüber mit, die Vergangenheit unwiderruflich hinter sich gelassen zu haben. Zumindest wenn nicht noch die andere Hälfte all dessen, was man besitzt, in Wien darauf wartet, per Nachtzug nach Berlin gebracht zu werden.

Doch noch Neuigkeiten

Auf einmal überschlagen sich die Meldungen aus Afghanistan.

Die schnelle Befreiung der deutschen Mitarbeiterin der NGO Ora International, inklusive Verhaftung der Geiselnehmer; das Lebenszeichen des seit mehr als einem Monat entführten deutschen Ingenieurs Rudolf B.; die Ergreifung eines Verdächtigen in Zusammenhang mit dem Bombenanschlag auf einen Jeep der deutschen Botschaft, der am vergangenen Mittwoch drei deutsche Polizisten tötete. Nun wurde gestern bekannt, dass es auch im Fall der Ermordung von Karen Fischer und Christian Struwe eine Verhaftung gegeben hat.

Der Sprecher des afghanischen Innenministeriums Semarai Baschari gab gestern auf der Pressekonferenz zur Befreiung der Entwicklungshelferin Christine M. bekannt, dass ein mutmaßlicher „Drahtzieher, de(r) Kopf einer Bande, die für die Ermordung verantwortlich ist“ bereits einige Tage zuvor von einer Sondereinheit zur Bekämpfung des Terrorismus verhaftet worden war. Der Mann befinde sich in Kabul, in den Händen der afghanischen Polizei. Es werde weiter ermittelt und nach dem Rest der „Bande“ gesucht. Es bestehe kein Zusammenhang zu der Entführung von Christine M. Weitere Einzelheiten gab Baschari nicht bekannt.

Fast ein Jahr nach dem Tod von Karen Fischer und Christian Struwe erfahren wir nun also vielleicht doch noch etwas über die Umstände ihrer Ermordung. Ich bin gespannt.

Meister!

(c) Bay Ismoyo/AFP/Getty Images

Die Fußballnationalmannschaft des Irak hat gestern in der indonesischen Hauptstadt Jakarta zum ersten Mal die Asienmeisterschaft gewonnen. Das einzige Tor des Endspiels gegen den dreifachen Asienmeister Saudi Arabien köpfte Kapitän Younes Mahmoud nach einer Ecke in der 71. Minute. Die Mannschaft aus dem Königreich, die an fünf der letzten sechs Endspiele teilnahm und bei einem Sieg der alleinige Rekord-Asienmeister geworden wäre, war nach Australien und Südkorea der dritte Teilnehmer der WM 2006, den der Irak auf dem Weg zum Titel besiegte.

Als 80. der FIFA-Weltrangliste, zwischen Armenien und Zypern, waren die Iraker beim Turnier in Indonesien, Malaysia, Thailand und Vietnam krasser Außenseiter. Es hatte noch nie eine Mannschaft aus dem Irak das Finale erreicht. Finanzielle und logistische Probleme kamen erschwerend zur sportlichen Herausforderung hinzu. Der brasilianische Trainer Jorvan Vieira wurde erst einen Monat vor Turnierbeginn für zwei Monate verpflichtet. Dann erst wurde die Mannschaft zusammengestellt und fing an, zu trainieren – in Jordanien, aus Angst vor Anschlägen im eigenen Land. Der Kapitän, Stürmer Younes Mahmoud, musste vor dem Vorrundenspiel gegen Thailand 12 Stunden lang am Flughafen in Bangkok auf die Einreiseerlaubnis warten. Und vor dem Halbfinalspiel gegen Südkorea verbrachten die „Löwen der zwei Ströme“ mehrere Stunden wartend in der Lobby ihres Hotels in Kuala Lumpur, da ihre Zimmer noch von der iranischen Nationalmannschaft belegt wurden.

Der Erfolg ist also mehr als eine Überraschung. Er könnte auch einigen Spielern, die größtenteils in Ländern mit schwachen Ligen wie dem Libanon, Zypern oder den Vereinigten Arabischen Emiraten spielen, den Weg nach Europa ebnen. An Mahmoud sollen mehrere französische Erstligisten interessiert sein, Nashat Akram liegt angeblich ein Angebot des FC Sunderland aus der englischen Premier League vor, und Arminia Bielefeld bemüht sich offenbar um den Mittelfeldspieler Hawar Mohammed. Vor allem ist der Triumph bei der alle vier Jahre stattfindenden Asienmeisterschaft aber ein Hoffnungsschimmer für die Menschen im Irak. Während im eigenen Land ein Bürgerkrieg tobt, spielen in der Fußballnationalmannschaft Schiiten, Sunniten und Kurden konfliktfrei und erfolgreich zusammen. Höchstwahrscheinlich hat dieses Sportereignis keine Auswirkungen auf die Zukunft des Landes, auch wenn freudentrunkene Fans in Bagdad den Sieg in Jakarta schon mit dem Sturz Saddam Husseins oder dem Ende des Krieges gegen den Iran vergleichen. Es mag nur eine Ablenkung sein, aber eine Ablenkung von Krieg und Terror ist sicher jederzeit sehr willkommen.

Ein weiterer Lichtblick ist die Tatsache, dass es nach dem Endspiel keine Anschläge auf die Menschenmassen gab, die in den Straßen der irakischen Städte den Erfolg ihrer Mannschaft feierten. Nach dem Halbfinale waren 50 Menschen bei zwei Bombenanschlägen in von feiernden Fußball-Fans gefüllten Teilen Bagdads ums Leben gekommen. Es starben zwar auch gestern vier Menschen bei den Fußballfeiern, allerdings durch Freudenschüsse. Traurigerweise kommt im Irak selbst ein so freudiges Ereignis nichts ganz ohne Tote aus.

The Christiansen Factor

Manchmal gibt es im deutschen Fernsehen ja doch sehr unterhaltsame Momente. Zum Beispiel die Antwort Sigmar Gabriels auf eine Art Annäherungsversuch des schleimigen ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser in einer Sabine Christiansen Sendung am dritten Juni zum Thema G8-Gipfel: „Komm, Meister, jetzt wollen wir es mal nicht so schmusig werden lassen“. Ganz großes Kino. Leider gehörten solche ungewollt komischen Momente zu den Höhepunkten der großen deutschen Polit-Talkshow. Die endlose Diskussion zwischen Gregor Gysi und Günther Beckstein, wer wen ausreden zu lassen hat, verlor einfach mit den Jahren an Spannung. Außerdem, so breit das Spektrum der Themen auch war, von „Aufschwung, Sonne, Knut – geht’s uns wirklich wieder gut?“ bis „Was kann die Jugend von den Alten lernen?“, hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Redaktion von Sabine Christiansen nicht immer die jeweils aktuell wichtigsten politischen Entwicklungen aufgegriffen hat.

Die Sendung gibt es ja nun seit einem Monat nicht mehr und hat ihr Fett auch schon abbekommen. Ihr wurde zum Beispiel ein neoliberal dominierter Diskurs vorgeworfen. Trotzdem war Sabine Christiansen immer die mit großem Abstand führende Meinung machende deutsche Politiksendung. Eine Institution Sonntags nach dem Tatort und der Ort, an dem sich deutsche Politiker, Konzernchefs und Persönlichkeiten präsentierten und ins Wort fielen.

Eine Sendung, der man wohl auch einen neoliberal dominierten Diskurs, unter vielen anderen Sachen, vorwerfen kann, ist die führende Meinung machende US-amerikanische Politiksendung: The O’Reilly Factor auf Fox News. Bill O’Reilly gibt dort wochentäglich eine Stunde lang lautstark seine Meinungen zum Besten, lässt sie sich von jungen Fox News Reporterinnen bestätigen und zieht über alle her, die seine arg konservativen und grob vereinfachenden Ansichten nicht teilen. O’Reilly lässt dabei keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass The O’Reilly Factor das „dominant number one cable news program in the USA“ ist. Das ist kein Spin, denn sie hat tatsächlich konstant die höchsten Einschaltquoten aller Sendungen der drei großen Nachrichtensender CNN, Fox News und MSNBC.

Die Opfer von O’Reillys Tiraden sind meist die „liberals“, also Demokraten. Es gibt für O’Reilly nur eine Steigerung von liberal, nämlich „far-left“. Dieses Etikett verdiente sich zuletzt der beliebte, der Demokratischen Partei nahe stehende Blog Daily Kos. O’Reilly hat am Montag, den 16. Juli Benutzer-Kommentare auf der Daily Kos Seite in seiner Sendung vorgetragen, in denen z.B. dem Pressesprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, der Tod gewünscht, oder der Papst als „Primat“ bezeichnet wurde. Von diesen Kommentaren (nicht dem Blog-Inhalt selber) ausgehend, wetterte O’Reilly seither in jeder Sendung gegen Daily Kos, das er als „far-left hate enterprise“ bezeichnete und mit dem Ku Klux Klan und den Nazis verglich. Es wurde ein Kamerateam zur Wohnung des Geschäftsführers der Fluggesellschaft Jet Blue, David Barger, geschickt. Jet Blue war als Sponsor der Anfang August stattfindenden Daily Kos Tagung, genannt Yearly Kos, vorgesehen, überlegte es sich auf Druck von O’Reilly aber noch mal anders. Laut Barger hatte Jet Blue ohnehin nur zehn Fluggutscheine zur Verfügung stellen wollen. Nun prangert O’Reilly seit Tagen Hillary Clinton und andere Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei an, die an der Yearly Kos Tagung teilnehmen werden.

Offensichtlich musste jemand O’Reilly mal erklären, wie das Internet funktioniert. Das versuchte die Professorin für Kommunikationswissenschaften und Fox News Mitarbeiterin Jane Hall gestern in O’Reillys Sendung, indem sie ihn darauf aufmerksam machte, dass es auf Blogs und Webseiten, inklusive auf O’Reillys eigener, nun einmal anstößige Kommentare gibt, für die die Betreiber nichts können. Er nannte sie eine Lügnerin und drehte ihr das Mikrofon ab.

Sehr sehenswert wie immer übrigens die Reaktion von Stephen Colbert, dem Moderator von The Colbert Report, der Satireversion von The O’Reilly Factor.

Manchmal ist es von Vorteil, dass Trends aus Amerika immer viele Jahre brauchen, um bei uns anzukommen. Außerdem wäre eine Satire-Fernsehsendung über Sabine Christiansen womöglich noch langweiliger gewesen als ihr Vorbild.